Frankenrundflug in besonderer Mission

07.05.2014, 00:00 Uhr
Frankenrundflug in besonderer Mission

„Pretty clean“, so J Henry Fair, sei die fränkische Landschaft. Das bedeutet „sehr sauber“, Fair meint es aber im Sinne von aufgeräumt, ordentlich, weit entfernt von einer intakten Naturlandschaft. Im Rahmen des Leserwettbewerbs, den die NN im Vorfeld der Ausstellung starteten, machte sich auch Fair auf die Suche nach den ökologischen Sündenfällen vor Ort. So gigantische Umweltschäden wie etwa in Kanada, wo der Ölsand-Abbau ein ganzes Indianerreservat durch die toxischen Emissionen zerstört hat, entdeckte er in Nordbayern nicht. Doch das riesige Kaolin-Abbaugebiet rund um den Monte Kaolino bei Hirschau – das Siegermotiv, das NN-Leser Michael Heusinger zum Wettbewerb einreichte – beeindruckte auch Fair.

„Ready to go!“

Frankenrundflug in besonderer Mission

© Roland Huber

Der größte Sandberg Deutschlands ist deshalb Ziel des Fotoflugs, zu dem der Künstler und Umweltaktivist vom Airport Herzogenaurach aus startet. 300 Meter sind die bevorzugte Höhe, aus der Fair mit dem Teleobjektiv atemberaubend schöne Bilder von ökologischen Katastrophen schießt. „Ready to go!“ gibt Pilot Hans Wlach das Startkommando. Die rechte Tür der kleinen Cessna ist eigens für solche Flüge präpariert: Die Fensterscheibe fehlt, die Tür hat einen tiefen Einschnitt, damit nichts den Kamerablick behindert. Dafür bläst der Wind kalt und laut in den Innenraum.

Zunächst geht es Richtung Nürnberg: das Knoblauchsland, das Kolosseum samt Frühlingsfest, das E.ON-Kraftwerk, die Innenstadt. „Can we see Dürers house? He ist my hero“, ruft Fair, doch im Dächergewirr ist das Gebäude nicht auszumachen. Dann weiter über das Kraftwerk Gebersdorf, den Hafen, eine Schrebergartenanlage. „What is this?“ fragt Fair oft, und es ist auch sein aufmerksamer Blick, der einem bewusst macht, wie zersiedelt, verbaut, „pretty clean“ die Landschaft ist. Ein gigantischer Teppich aus grünen, braunen und gelben Rechtecken, dazwischen Industrie, Häuser, Straßen, Bahnlinien, breite Stromleitungstrassen, abgezirkelte Wälder, ein Stausee, Sandgruben.

Immer wieder fordert Fair den Piloten auf, über einem Motiv zu kreisen, was Routinier Wlach sichtlich gerne tut, inklusive des Kippens der Cessna in waghalsige Schräglagen. Kein Fall für Magenschwache, dem Fotografen macht es nichts aus. Für ihn ist es die perfekte Position für seine Bilder. Nach fast einer Stunde erreicht die Cessna den Monte Kaolino. Aus der Vogelperspektive sieht die 150 Meter hohe Abraumhalde wenig spektakulär aus. Umso gewaltiger wirken die Dimensionen des Abbaugebiets – ein riesiges, zerklüftetes, weißes Areal, unterbrochen von den Gebäuden der Amberger Kaolinwerke, von Tümpeln und Becken, in denen das Wasser grün, braun, gelb und zart rosa schimmert. Fair ist begeistert, bittet Wlach, langsamer und tiefer zu fliegen. „Die denken bestimmt, das ist die CIA“, scherzt der Pilot.

Aus zahlreichen Aufnahmen hat Fair am Ende das oben abgedruckte Foto ausgewählt, das in der Ausstellung zu sehen sein wird und in einer limitierten Edition erworben werden kann. Es zeigt einen der größten Tümpel des Abbaugebiets. Bei Fair gleicht er einem Gemälde von faszinierender Farbigkeit, durch dessen organische Formen sich die Abwasserleitung wie eine abstrakte Struktur schlängelt. „Meine Bilder funktionieren genau durch diese Diskrepanz“, sagt Fair. „Sie sehen wunderschön aus, aber sie zeigen die Verwüstungen der Erde.“ Damit hat der Künstler schon viele Menschen zum Umdenken gebracht und zu einem bewussteren Umgang mit den Ressourcen dieser Welt.

Eigene Entscheidung

Das ist sein Ziel: In einer Zeit, in der wir zum bedenkenlosen Konsum verführt werden und Politik und Wirtschaft wenig Interesse daran haben, uns über die Folgen für die Umwelt aufzuklären, ist eigenes Handeln gefordert. „Unsere wichtigste Stimme ist das Geld. Wir entscheiden selbst, wofür wir es ausgeben“, sagt Fair. Sein altes Handy entlockt dem Piloten ein Lachen. Doch Fair wird es behalten, solange es seinen Dienst tut.

Das Siegerfoto des Wettbewerbs wird in der Ausstellung nicht zu sehen sein. Heusinger verzichtete für den „Schnappschuss“, den er zufällig in seiner Fotosammlung fand, auf eine Präsentation. Stattdessen wird nun das Bild des zweiten Gewinners, Manfred Gigl, gezeigt – ein Haufen achtlos weggeworfenener Zigarettenkippen. Kein Motiv, das sich für eine Aufnahme aus großer Höhe eignete, das aber die Umweltverschmutzung direkt vor unserer Haustür dokumentiert.

Die Ausstellung „A Dream of Plenty“ in der Nürnberger Galerie Bunsen Goetz, Kressenstr. 11, eröffnet am Freitag, 18 Uhr.

Heute um 19 Uhr hält J Henry Fair im Deutsch-Amerikanischen Institut, Gleißbühlstr. 9, einen Vortrag.

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