Mit E-Bike 2000 Kilometer auf historischer Mission

05.05.2012, 15:00 Uhr
Mit E-Bike 2000 Kilometer auf historischer Mission

© Stefanie Reinl

Der Radsport gewinnt auch in der Fränkischen Schweiz immer mehr Anhänger. Doch diese Einzelfahrerin auf der Bundesstraße 2 von Gräfenberg nach Pegnitz fiel auf, nicht nur wegen ihrer knallgelben Warnweste. Sie war dank ihres Elektrorads nicht nur nahezu genauso schnell unterwegs wie einst die Stars, sie hatte auch ein Begleitfahrzeug im Schlepptau. Eine dünne Aufschrift auf ihrem Trikot gab einen ersten Aufschluss: 2000 Kilometer Salzburg— Kaliningrad.

Vorfahren aus Österreich

Weil an jedem Ortsschild ein „Beweis-Foto“ geschossen wurde, ergab sich für die NN Gelegenheit zu einer ersten Kontaktaufnahme, die später bei einer Pause im Eiscafe „Dolomiti“ vertieft wurde. Sie befinde sich auf einer historischen Mission, erzählte die sympathische Schweizerin, als erste Frau überhaupt wolle sie den Weg ihres österreichischen Vorfahren Thomas Dieller nachvollziehen, den dieser bei der „Salzburger Vertreibung“ vor 280 Jahren zwangsweise hatte auf sich nehmen müssen. 90 Tage seien die Rebellen damals zu Fuß unterwegs gewesen, unter ungleich schwierigeren Bedingungen als jetzt bei der Radtour.

Weit über 20000 Bürger aus Salzburg und Umgebung hatten sich 1732 in einer schmerzensreichen Entscheidung zwischen Glauben und Heimat zum Verlassen ihrer Heimat entschlossen. Nach einer ruhigen Zeit unter dem gemäßigten Erzbischof Johann Ernst Graf von Thun und Hohenstein und Franz Anton Graf Harrach wurde die Lage der Evangelischen in den Salzburger Landen sehr ernst, als Firmian den erzbischöflichen Stuhl bestieg. Er rief aus Bayern die Jesuiten in das Land, um mit ihrer Hilfe das evangelische Glaubensbekenntnis auszurotten.

Ketzergerichte füllten Kerker

Auf den Marktplätzen oder auf freiem Feld veranstalteten die Jesuiten große Versammlungen, zu denen alle Einwohner kommen mussten. Das Fernbleiben wurde streng bestraft. Die Ketzergerichte mehrten sich, die Kerker füllten sich, hohe Geldstrafen wurden verhängt, heißt es im „Salzburg-Wiki“. Aber die Bekehrungsversuche blieben erfolglos, sie führten nur zu einem noch engeren Zusammenschluss der Evangelischen. Firmian versprach zunächst, deren Klagen über die Unterdrückung untersuchen zu lassen, ließ dann aber doch Truppen anrücken, angeblich zu ihrem Schutz.

Die Evangelischen aber „rochen den Braten“ und schlossen kurz darauf in Schwarzach den „Salzbund“, indem sie vor der Versammlung die Finger der rechten Hand in ein Salzfass tauchten und schworen, dass sie beim evangelischen Glauben beharren und sich durch nichts davon abbringen lassen wollten.

Firmian wertete das als Rebellion und unterzeichnete am 31. Oktober 1731 den berüchtigten Emigrationserlass, in dem verfügt wurde, dass alle Nichtkatholiken das Erzstift zu verlassen hätten, die Grundbesitzenden in längstens drei Monaten, Tagelöhner, Bergleute, Arbeiter und Handwerker in acht Tagen.

Schon nach 14 Tagen mussten die ersten Evangelischen das Salzburger Land verlassen, eskortiert von Militär, weil etwa Bayern und Tirol fürchteten, die „Aufwiegler, Rebellen und Ketzer“ würden sich bei ihnen ansiedeln. Kinder unter zwölf Jahren mussten zurückgelassen werden.

Schließlich kam Hilfe von Preußen. Nachdem Friedrich Wilhelm I. einen Kommissar nach Salzburg entsandt hatte, um sich über die Not der Evangelischen unterrichten zu lassen,   unterzeichnete er am 2. Februar 1732 das Immigrationspatent, das die Heimatlosen nach Ostpreußen einlud und die Vertriebenen unter den Schutz des preußischen Staates stellte.

Dieses Schicksal ihrer Vorfahren bewegt Ulla Werner schon lange. Sie suchte alle Quellen zusammen und machte sich im vergangenen Jahr, begleitet von ihrem Mann Peter, zunächst im Auto auf die weite Reise von Wagrain nach Gusev, dem früheren Gumbinnen, 100 Kilometer östlich von Kaliningrad, um entsprechende Vorbereitungen zu treffen, den 92-tägigen Flüchtlingsweg mit dem Fahrrad nachzuvollziehen. Weil der Flüchtingstreck vor 280 Jahren, wie wissenschaftlich beschrieben, auch in Pegnitz Station machte, war die Stadt jetzt wieder Etappenort.

Pegnitz Zwischenstation

Ulla Werner, seit 280 Jahren der erste Mensch, der diesen Weg wieder an einem Stück zurücklegt, hat große Pläne: Weil die Vertriebenen auf dem langen Weg an ihren Rast- und Schlafstätten wohlgesonnen empfangen und bewirtet wurden, nennt sie diese Route Thomasweg. Der Jakobsweg als Pilgerweg zu Fuß könnte damit einen jüngeren Bruder bekommen, Pegnitz könnte Schnittstelle werden.

Das Interesse der NN freute sie deshalb umso mehr und so versprach sie, bei nächster Gelegenheit wiederzukommen, entweder auf der Rückreise oder später zu einem längeren Aufenthalt. So lange sollte es dann gar nicht dauern: Die NN-Schwärmereien vom Schlaraffenland Fränkische Schweiz beeindruckte das Paar so, dass beide ihre geschichtliche Mission hier für einen nicht eingeplanten Tag unterbrachen, waren ihnen doch vorher schon die vielen Brauereien und Bäckereien aufgefallen.

Trotz dieses Zwischenstopps und der Unwägbarkeiten, die sie möglicherweise in Russland erwarten, hoffen Ulla und Peter Werner, rechtzeitig zum Stadtfest am 26. Mai am Ziel zu sein. Dann werden sie dort auch die Salzburger Kirche und die Sozialstation für Russlanddeutsche besuchen. Auch an einem Buch will sie mitarbeiten und auch darin wird Pegnitz vorkommen.

 

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