Von der Diasporagemeinde zur großen Pfarrei

28.06.2012, 15:59 Uhr
Von der Diasporagemeinde zur großen Pfarrei

Vor 100 Jahren lebten in Pegnitz etwa 200 Katholiken. Als Kirche diente ihnen eine neugebaute Scheune, die später als Kindergarten Verwendung fand. Die Marienkirche wurde für die auf 600 Katholiken angewachsene Diaspora-Gemeinde im Jahr 1927 erbaut und bekam um 1939 durch die barocke Einrichtung aus der Dornbacher Kirche (auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr) ihr heutiges Gesicht.

Pfarrer Dr. Franz Vogl, der die ersten 40 Jahre dieser Pfarrei prägte, erbaute 1962 die moderne Herz-Jesu-Kirche. Knapp 5000 Katholiken leben heute mit der gleich großen evangelischen Gemeinde in einer ökumenischen Aufgeschlossenheit.

Am 1. Juli 1937 wurde die Kuratie Pegnitz vom Erzbischof Jacobus von Hauck zur Pfarrei erhoben. Pegnitz hatte erst seit 1900 einen katholischen Seelsorger. Zunächst war Pegnitz eine von Troschenreuth abhängige Lokalkaplanei und dann eine Kuratie. 1899 wurde die erste kleine katholische Kirche, das sogenannte Notkirchlein, in Pegnitz gebaut. Bereits am 23.Januar 1895 gründete sich hierzu ein Kirchenbauverein. 1926 begann man mit dem Bau der Marienkirche, die am 2. Oktober 1927 eingeweiht wurde. Der letzte Seelsorger in Pegnitz, der noch den Titel eines Kuraten trug, war Friedrich Schweizer. Er wirkte hier vom 1. Januar 1932 bis 16. September 1938.

Obernzeller Schwestern tätig

Am 27. Mai 1927 fingen auch die ersten Schwestern aus Obernzell in Pegnitz mit der „kleinen Kinderschule“, mit Handarbeitsunterricht und mit der Krankenpflege an. Die Schwestern lebten und wirkten bis September 2006 in der Pfarrei. In den Jahren vor ihrem Abschied waren sie insbesondere als Kindererzieherinnen im Don-Bosco-Kindergarten tätig.

Der erste Pfarrer zog am 15. November 1938 in Pegnitz ein: Pfarrer Franz Vogl hat die Pfarrei in Pegnitz aufgebaut und ganz wesentlich geprägt. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Pegnitz nur 800 Katholiken neben 4000 evangelischen Christen. Pegnitz war damit eine Diaspora. Sie war aber eine sehr jugendliche Pfarrei. So wurden 1938 nur acht Personen beerdigt, aber 40 Kinder empfingen die Heilige Taufe.

In der Zeit des Dritten Reiches und des Weltkrieges war es auch in der kleinen katholischen Pfarrei Pegnitz schwierig geworden, gegen die Propaganda der Nationalsozialisten zu bestehen. Doch die immer zahlreicher werdenden Gottesdienste für die im Feld gefallenen Soldaten ließen viele Menschen umdenken.

Vertriebene integriert

Nach dem Krieg begann die Vertreibung der Menschen aus Schlesien und dem Sudetenland. Die Flüchtlinge kamen fast alle aus katholischen Gegenden mit eigener katholischer Tradition. So war es dann eine wichtige Aufgabe, im Laufe der Zeit Einheimische und Flüchtlinge in der Kirche zusammenzuführen.

Die 50er Jahre waren die Zeit des Aufbaues. Auch die katholische Kirche in Pegnitz wollte aus ihrem Diaspora-Dasein in die Öffentlichkeit gehen. So wurde im Jahr 1950 die Fronleichnamsprozession von den Nebenstraßen der Stadt erstmals in die Hauptstraße verlegt. Auch der Bau des ersten katholischen Kindergartens an der Marienkirche und des Don-Bosco-Heimes im Jahr 1951 wurde prägend für Pegnitz.

Die Jahre ab 1950 waren auch Zeiten eines kirchlichen Aufbruches. Nur die Liturgie im Gottesdienst war noch erstarrt. Deshalb war auch die Einberufung des Konzils vor nunmehr genau 50 Jahren wichtig geworden. Pfarrer Vogl hatte jedoch schon vor dem Konzil die Reform der Messfeier eingeleitet. So wurden die Gottesdienste auch schon in der Muttersprache gehalten und ein Laie durfte die Lesung vortragen.

Der Zuzug der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg machte der Bau einer zweiten Kirche in Pegnitz erforderlich. Am 5. September 1965 weihte Erzbischof Josef Schneider die neue Herz-Jesu-Kirche ein, eine moderne Kirche, ein äußerlich schlichter Backsteinbau, doch im Inneren von großartiger sakraler Wirkung.

Ökumene seit 1964

In dieser Zeit entwickelte sich auch das Verhältnis zwischen evangelischen und katholischen Christen in Pegnitz. Insbesondere das gute Verhältnis von Pfarrer Vogl und dem evangelischen Dekan Wilhelm Schoenauer förderte die Ökumene in Pegnitz. 1964 wurde der erste ökumenische Gottesdienst in der evangelischen Stadtkirche gefeiert. Am 15. November 1968 wurde Pfarrer Vogl zum Ehrenbürger ernannt.

In den 70er Jahren ist die Pfarrei auf nahezu 6000 Seelen angewachsen. Das kirchliche Leben konnte sich selbstbewusst entfalten und es wurde im öffentlichen Leben gleichberechtigt mit den evangelischen Kirchen wahrgenommen. Zum Ende seiner Dienstzeit als Pfarrer von Pegnitz kaufte Pfarrer Vogl zum 1. August 1976 das Finanzamt Pegnitz, damit dieses zum neuen Pfarrhaus umgewidmet werden konnte.

Am 1. Mai 1977 übernahm Pfarrer Franz Reus als zweiter Pfarrer die Pfarrei Herz Jesu. Er begann seinen Dienst mit dem Motto „Von der Pfarrei zur Gemeinde“. Zwischen der Herz-Jesu-Kirche und dem neuen Pfarrhaus erbaute man einen Pfarrsaal mit Kegelbahn. Die Einweihung erfolgte am 28. Juni 1980.

Im gleichen Jahr wurde die erste katholische Sozialstation eröffnet. Mit Unterstützung des Landkreises konnte Schwester Cupertine zusammen mit einer weiteren weltlichen Schwester ihre Arbeit im Schwesternhaus fortsetzen. Bereits ab 1978 wurde „Essen auf Rädern“ vom Don-Bosco-Heim angeboten. In der Anfangszeit des Wirkens von Pfarrer Reus bildeten sich Familienkreise und der Aktionskreis (AK). Grundkurse im Glauben und eine Gemeindemission im Oktober 1985 folgten.

Ab dem 1. Januar 1985 übernahm Pfarrer Reus die seelsorgerische Betreuung der Pfarrei Büchenbach, die Pfarrei Gunzendorf wurde stattdessen an den Pfarrer von Auerbach übertragen. Im Januar 1985 begann die Diskussion um den Bau eines Kirchturmes an der Herz-Jesu-Kirche. Mehrheitlich stimmte die Pfarrversammlung für das Projekt mit der Verpflichtung, zusätzlich 100000 bis 150000 D-Mark für die Dritte Welt zu spenden.

Am Röschmühlweg errichtete die Diözese ein Priesterhaus und das Caritashaus auf den Namen Pater Rupert Mayer. Die Sozialstation konnte nach der Einweihung am 12. April 1988 dort einziehen. Im gleichen Jahr wurde zum Schuljahresbeginn eine erste Spiel- und Lernstube eröffnet, eine Nachmittagsbetreuung für Schulkinder. Wegen des großen Zuspruches wurde bereits ein Jahr später, am 13. Oktober 1989, der Don-Bosco-Kinderhort eingeweiht. Im März 1989 wurden die ersten Laien durch den Erzbischof als Kommunionhelfer offiziell ernannt.

Trauer um Pfarrer Vogl

Mit großer Trauer nahm die Pfarrei Abschied von dem am 27. Januar 1990 verstorbenen Pfarrer Dr. Franz Vogl. Ein langer Trauerzug bewegte sich von der Herz-Jesu-Kirche zum neuen Friedhof an der Winterleite. Auf dem Grab ließ die Pfarrei ein Jahr später ein Grabdenkmal durch Prof. Backmund errichten, das den heiligen Franziskus mit der Sonne und dem Totenschild zeigt.

Zwei tragende Elemente der Pfarrei, die bis heute anhalten, waren die Jugend- und Altenarbeit. Zu Beginn der katholischen Pfarrei prägten vor allem junge Menschen die Gemeinde. Die ersten Jugendgruppen wurden eingerichtet, die auch heute noch Bestandteil des pfarrlichen Lebens sind. Ebenso war die Altenarbeit wichtig. Bereits 1975 begann man mit einem ersten Altennachmittag zum Fasching. Heute gestaltet die Gruppe „Wir ab 50“ noch regelmäßige Altennachmittage.

Durch die Gründung der Kleinen Kommunität der Geschwister Jesu, einer geistlichen Gemeinschaft, durch Pfarrer Franz Reus, Schwester Teresa, Schwester Claudia und andere an Pfingsten 1994 trat ein Wandel in der Pfarrei ein. Die Kleine Kommunität machte es sich zur Aufgabe, dem Aufbau der Gemeinde zu dienen. Besonders Kinder und junge Familien rückten in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Auch neue Gottesdienstformen und Aktivitäten veränderten das Bild der Pfarrei. So begann man 1995 ein erstes Pegnitzer Kirchenfestival und es folgten weitere mit einer großen Beteiligung der Gemeinde, aber auch mit bekannten Persönlichkeiten aus dem kirchlichen und dem öffentlichen Leben.

Moderne Kindergottesdienste

Besonders die Kindergottesdienste, die ab 13. Januar 2002 als Kinderabenteuerland gestaltet wurden, hat man gerne angenommen. Kindergottesdienste gab es in der Pfarrei jedoch schon seit 1980. Schwester Teresa begann am 25. Juli 1999 erstmals mit einem besonderen Gottesdienst, einem GoX-Gottesdienst.

Andere Pfarrangehörige kümmerten sich in dieser Zeit besonders um die Menschen mit einer Behinderung. Man gründete am 12. Dezember 1994 die Gruppe „Glaube und Licht“. Im Februar 1995 wurde im Don-Bosco-Kindergarten eine integrative Gruppe eingerichtet, in der Kinder mit Behinderung aufgenommen wurden.

Die Pfarrei übernahm ab September 1994 den Betrieb des von der Stadt Pegnitz erbauten St. Franziskus-Kindergartens am Arzberg. Dort errichtete man auch eine Kapelle, die man am 14. Mai 1995 der heiligen Elisabeth weihte. Im gleichen Jahr wurde die Marienkirche innen renoviert.

Wegen Unstimmigkeiten in der Pfarrei über das Wirken der Kleinen Kommunität begann im Juli 1996 eine Gemeindeberatung, um Ziele und Konflikte innerhalb der Pfarrei zu klären. Nach einem Jahr wurde diese abgeschlossen. Ein Leitspruch wurde im Pfarrgemeinderat für die Gemeinde erarbeitet. „Pfarrei Herz Jesu bringt Farbe ins Leben“.

Am 1. September 1999 wurde die Filialgemeinde St. Otto in Schnabelwaid an die Pfarrei Creußen übertragen. Die Kirche in Schnabelwaid baute 1962 noch Pfarrer Vogl.

In der ökumenischen Zusammenarbeit ging es weiter voran. Man traf sich jährlich zu gemeinsamen Bibeltagen, einem Jugendkreuzweg oder zu einer ökumenischen Wallfahrt und gründete im Mai 2005 zusammen die „Pegnitzer Tafel“.

Neue Einheiten gebildet

Die Strukturreform der Diözese brachte eine weitere Neugestaltung der Pfarreienlandschaft. Es wurden Seelsorgseinheiten gebildet. Herz Jesu kam mit den Pfarreien Büchenbach, Trockau und Troschenreuth zur Seelsorgeeinheit „Pegnitz – Stadt und Land“. Für die Kinder in Pegnitz wurde ab September 2007 eine Kinderkrippe im ehemaligen Schwesternhaus an der Marienkirche eröffnet.

Zum 31. August 2011 ging Pfarrer Franz Reus nach 34 Jahren als erst zweiter Pfarrer von Pegnitz in den Ruhestand. Zusammen mit ihm verließ auch die Kleine Kommunität der Geschwister Jesu die Pfarrei. Am 1. September 2011 übernahm Pfarrer Peter Klamt die Pfarrei Herz Jesu. Zugleich trat die Pastoralreferentin Melanie Zink ihren Dienst an.

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