Lebenskunst vom Land

30.07.2013, 16:00 Uhr
Lebenskunst vom Land

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Das erste Werk, das 1988 bei „ars vivendi“ erschien, hatte etwas Prophetisches im Titel: „Zwischen Sekt & Selters“ hieß jener Gastroführer, der eine spritzige Mischung aus Genuss und Bodenständigkeit versprach. Damit war im Grunde bereits die Bandbreite umrissen, die bis heute das Programm prägt.

Die „ars vivendi“-Palette ist weit gefächert. Romane von Jakob Wassermann („Das Gänsemännchen“) oder Ewald Arenz („Ein Lied über der Stadt“) gehören ebenso dazu wie die renommierten „Franken-Krimis“ von Autoren wie Jan Beinßen oder Veit Bronnenmeyer. Es gibt die vielfach preisgekrönten Kalender, Hörbücher, Spiele („Literatur Memo“) oder Geschenkideen wie Spardosen mit klarer Zielsetzung („Lesefutter“).

Doch was verführt einen überhaupt dazu, in der fränkischen Provinz zum Verleger zu werden? „Eigentlich wollte ich als Lektor arbeiten“, sagt Norbert Treuheit. Ende der 80er Jahre ist er in München, hängt ein Aufbaustudium in Buchwissenschaften an. Zuvor hatte er unter anderem Literatur studiert, in Southampton unterrichtet und an seiner Doktorarbeit geschrieben.
 

Gute Ideen


Dann kommen ihm ein paar gute Ideen dazwischen. Zum Beispiel die, einen etwas anderen Gastroführer zu machen. Doch München ist zu diesem Zeitpunkt die zweitgrößte Verlagsstadt der Welt – da will er nicht mitmischen. Doch ihm fällt etwas auf: „Franken war eine Verlagswüste, also sagte ich mir, ich kehre in meine Heimat zurück und versuche, dort etwas aufzubauen.“

Die Pluspunkte liegen für den 56-Jährigen auf der Hand: „Das Identifikationspotenzial für Kunden ist groß. Tatsächlich gab es schon bald viele Fans in Franken, die zu würdigen wissen, was wir machen.“ Von vornherein sei ihm aber klar gewesen: „Das Ganze muss professionell angegangen werden, ich wollte stets Bücher und Kalender machen, die schön sind und sich in jeder Hinsicht mit Konkurrenzprodukten messen können.“

Noch eines legt er fest: Sein Verlag soll in der Region fest verwurzelt, aber kein regionaler Verlag sein. Ein Konzept, das aufging. Bundesweit fällt das durchdachte „ars vivendi“-Angebot auf. Für die Autoren wie zum Beispiel Ewald Arenz gibt es Anerkennung von vielen Seiten. Das Magazin Brigitte etwa wählte vor kurzem seinen neuen Roman zu den 30 lesenswertesten Büchern des Sommers. Inzwischen hat sich auch eine Filmproduktions-Gesellschaft gemeldet und Interesse an „Ein Lied über der Stadt“ bekundet.

Treuheit ist glücklich geworden mit seiner Entscheidung, Cadolzburg zum Verlags-Standort zu machen. Von den Geschäftsräumen im historischen Bauhof reicht der Blick zu den trutzigen Mauern der Hohenzollernveste und weit über Land. Neun Mitarbeiter sind bei „ars vivendi“ beschäftigt („Ein wunderbares Team“). Im Sommer wird auch mal im Garten gearbeitet.

In der Nachbarschaft ziehen Enten im Weiher ihre Bahnen und gleich nebenan äugt ein neugieriger Esel zwischen den Kirschbäumen hervor. Schlechte Nachrichten machen vor der Idylle nicht halt. Im Frühjahr brannte ein Auslieferungslager bei Leipzig aus, mindestens 100000 Bücher von „ars vivendi“ wurden vernichtet, der Schaden betrug 1,6 Millionen Euro. Betroffen waren unter anderem Teile der von Frank Günther neu übersetzten und viel beachteten Shakespeare-Gesamtausgabe von „ars vivendi“, deren 39 Bände bis zur Buchmesse 2015 komplett vorliegen sollen. „Nach so einer Nachricht steht man im ersten Moment unter Schockstarre“, sagt Norbert Treuheit. Mittlerweile kann er eine Spur gelassener darüber sprechen, auch weil er weiß, dass die Versicherung einspringen wird.

Würde er im Rückblick auf ein Vierteljahrhundert als Verleger etwas anders machen? „Ich würde keinen Verlag mehr gründen“, sagt er. Und lacht. „Ich kann mir zwar nichts Schöneres vorstellen, als Verleger zu sein, aber wenn ich gewusst hätte, was für Sorgen auf einen zukommen, dann hätte ich es vielleicht nicht gemacht.“ Selbstverständlich hat er für die Zukunft noch viele Ziele. „Eine Lieblingsidee von mir ist, eine Bibliothek fränkischer Klassiker in schöner Ausstattung aufzubauen, mit Werken unter anderem von Ludwig Fels und Gisela Elsner.“ Und: „Einen Titel von ,ars vivendi‘ in der Spiegel-Bestseller-Liste zu sehen – das wäre auch sehr gut.“

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