Kino mit Wir-Gefühl
28.09.2013, 10:00 Uhr
Udo Martin, Leiter der Kofferfabrik: „Es war das Kino, in dem ich zu ,Alexis Sorbas‘ geweint habe, hier habe ich eines meiner ersten Guinness getrunken, es war verraucht, rauchen und trinken konnte man im Kino. Und das soll jetzt vorbei sein? Ich weine...“
Für einen mittelfränkischen Kinofreak war die Meisengeige bis Ende der 70er Jahre das Maß aller Dinge. „Es gab ja nichts anderes“, sagt Klaus Schneider, Urgestein der Kinokooperative Fürth, die mit ihrem „Krawattenhaus“ in der Schindelgasse erst in den Achtzigern an den Start ging. „In der Meisengeige konnte man französische Gegenwartsfilme gucken, Anarchostreifen, New Hollywood“, so der 54-Jährige.
1976, da begann er gerade mit der Lehre zum Siemens-Elektriker, hatte ihn ein Freund mitgeschleppt in das Kino — Schneider war hin und weg, wurde rasch Stammgast. In Fürth zeigte nur die Volkshochschule dann und wann wilde 16mm-Filme für zwei Mark, in der Volksbücherei im Berolzheimerianum lagen immerhin sämtliche Sammelbände der schwer geistreichen Zeitschrift Filmkritik. Das war’s dann aber auch.
Theorie in Fürth, Praxis in der Meisengeige: „Damals gab es dort noch Mitternachtsvorstellungen. Bertoluccis ,1970’, fünf Stunden lang, mit Kalbsleberwurst-Semmeln und Gurke — herrlich!“
Trauer und „Empörung“ hat das Aus des Kult-Kinos bei Norbert Treuheit ausgelöst. Empörung, weil der Chef des Cadolzburger ars vivendi Verlags der Meinung ist, „dass Herr Weber mit seinem Cinecittà in Nürnberg sicher so viel Geld verdient, dass er sich die paar 100000 Euro für die Meisengeige hätte leisten können“.
Treuheit pilgerte früher mit Freunden regelmäßig nach Nürnberg an den Laufer Schlagturm. „Das war das erste Kino, in dem man trinken und rauchen durfte.“ Sogar in der Schule, am Hardenberg-Gymnasium, kam Treuheit mit der Meisengeige in Berührung. Sein Lehrer, der heutige Schriftsteller Fitzgerald Kusz, hatte eine Geschichte über das Kino geschrieben und stellte sie im Unterricht vor. „So eine Institution“, sagt Norbert Treuheit, „müsste man eigentlich unter Denkmalschutz stellen.“
„Oh Gott, das kann nicht wahr sein!“ Als Alfred Ach vom drohenden Ende erfuhr, fühlte er sich ruckzuck zurückversetzt in die 80er Jahre. Der Endfünfziger, der bis 2012 das City-Kino in Fürth betrieben hat und hier bald ein Multiplex eröffnen will, war als Student (Design) oft in der „Geige“ und gern. „Da war nicht der Film vorrangig, sondern das Wir-Gefühl.“ In den Kinos, die Achs Familie zu dieser Zeit in Nürnberg gehörten, im Rio und Atrium, sagt er, gab es mehr Komfort und eine bessere Technik. „Da hat sich die Krawattenszene getroffen.“ In der „Geige“ hingegen, wo es den Junior der Kinomacher-Dynastie hinzog, „waren die Stühle unbequem, der Film ist öfter mal gerissen. Bei uns hätten die Leute wegen sowas gepfiffen, in der ,Geige’ hat man das akzeptiert. Da ging es zwanglos zu, unkompliziert. Ich seh’ mich noch auf dieser engen Treppe stehen, mit langen Haaren, und über Filme diskutieren.“ Eine solche „cineastische Institution“, findet Ach, dürfe nicht schließen. „Und so, wie ich den Wolfram Weber kenne, lenkt er vielleicht doch noch ein...“
„Die Meisengeige war oft der Startort für Abende mit Freunden, erinnert sich Christian Ilg, die kleinen Filme, „das war unser Ding“. Damals, Mitte der 90er Jahre, ahnte er nicht, dass er einmal selbst ein Kino, das Babylon in Fürth, betreiben würde. Die Meisengeige sei „optisch außergewöhnlich unter all den Kinos der Region, ein Unikat“. Würde sie schließen, wäre das „sehr schade“, sagt Ilg. Aber hätte sein Kino damit nicht einen Konkurrenten weniger? So sieht er das nicht, man komme sich nicht in die Quere.
So gern sich Ilg manchmal in die Sessel eines Multiplex-Kinos fallenlässt, „wenn ich mir mit der Familie einen großen Film anschauen will, auf einer riesigen Leinwand, mit einer Wahnsinnstonanlage“: Für die kleinen Filme brauche es die kleinen Kinos – die, in denen es zum Film auch Atmosphäre gibt.
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