Unabhängigkeit in der Nische

06.01.2004, 00:00 Uhr
Unabhängigkeit in der Nische

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Daran, Promi-Biografien zu verlegen, hat der 47-jährige Verlagschef zum Beispiel noch keinen einzigen Gedanken verschwendet. „Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Biografie-Boom wieder vorbei ist“, sagt er und setzt vielmehr darauf, „die schönen Dinge des Lebens“ unter die Leute zu bringen. „Ars vivendi“ bedeutet schließlich Lebenskunst, und der Verlagsname, der irgendwann bei einem Planspiel während Treuheits Buchwissenschaftsstudium übungshalber kreiert wurde, bestimmt das Programm.

Längst sind es nicht mehr die kulinarischen Wegweiser durch deutsche Städte, die dem Verlag anfangs den nötigen finanziellen Unterbau für die Publikation „schöner Literatur“ etwa von George Sand oder Henry James garantierten. Zu Verlagsschlagern sind inzwischen etwa 40 aufwendig gestaltete Themen-Kalender avanciert. Isolde Ohlbaum fotografierte für Ars Vivendi Engel, Katzen und Blumen, der Labradormischling „Pecorino“ reist als vierbeiniges Fotomodel im vierten Jahr durch die Welt. Es gibt Hommagen an die Farben Rot und Blau, und der Dauerbrenner mit italienischen Caffè-Bars geht heuer ins zwölfte Jahr.

Die Kalender machen nicht nur 50 Prozent des Jahresumsatzes aus — der sich, nur so viel verrät Treuheit, im „einstelligen Millionenbereich“ bewegt und im vergangenen Jahr um 20 Prozent zugelegt hat —, sondern sorgen ganz nebenbei auch für Publicity: „Die Blätter hängen das ganze Jahr über samt unserem Logo an der Wand, so ist der Verlag tagtäglich gegenwärtig“, weiß Treuheit, der den Verlag mit neun Mitarbeiterinnen unterm Fachwerkdach inmitten fränkischer Dorfidylle managt.

In der „Verlagswüste Franken“ hat er in den vergangenen 15 Jahren einige heimische Talente aufgespürt, darunter Helmut Haberkamm, Ewald Arenz oder Elmar Tannert. „Für mich war es wichtig, das regionale Potenzial zu nutzen und mit dem Rest des Programms bundesweit ins Gespräch zu kommen“, erklärt er.

Gelungen ist ihm letzteres unter anderem mit einem Projekt, das ihm vorher einige schlaflose Nächte beschert hatte: Mit der Shakespeare-Gesamtausgabe in der viel gelobten Neuübersetzung von Frank Günther. So erfolgsverwöhnt war Ars Vivendi nicht immer. Der Roman einer norwegischen Autorin floppte total, es galt einige Krisenjahre zu überstehen. Seine Unabhängigkeit in der Nische will Treuheit trotz dieser Erfahrung nicht aufgeben. „Ich denke, dass die Chance für kleine, individuelle Verlage in Zukunft steigt, denn durch Fusionen und Umsortierungen werden die Programme der Großen immer austauschbarer.“

BIRGIT NÜCHTERLEIN