Das zweite Leben

08.09.2007, 00:00 Uhr
Das zweite Leben

Einfach «Bauhof» heißt die Idylle mit Weiher, Weiden, Fachwerkbauten - an diesem Spätsommertag hätte sie einen schöneren Namen verdient. Es riecht nach Rosen und Kuchen, im Hof sind Tische weiß gedeckt, eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft ist im Anmarsch. Eine Bilderbuchkulisse, wie sie sich ein Regisseur für den fränkischen Heimatfilm erträumte.

Gäbe es dabei die Rolle eines spanischen Granden zu besetzen, wäre Norbert Treuheit der richtige Mann. Klein und grazil steht er in der Tür, graumelierte Locken, Bart, melancholische Augen und skeptisches Lächeln. Auch in lässigem Hemd und Jeans wirkt er elegant - wie auf Besuch in diesem ländlichen Umfeld. Sogar «Pecorino» an seiner Seite, dieser unaufdringliche Hund, gibt sich überaus vornehm und wohlerzogen.

Doch Norbert Treuheit ist hier daheim, ein echter Cadolzburger. Und die Rolle seines Lebens hat er bereits gefunden. Er ist der Protagonist von «ars vivendi». Der Name seines Verlages ist inzwischen seine Lebensmaxime: Die Kunst, das Leben zu genießen. Ars vivendi - das Motto klingt wie vom Olymp geholt. Und Halbgötter in Weiß waren es auch, die vor einem Jahr das Leben des Verlegers gerettet haben. Sie transplantierten ihm die Leber eines Toten.

In einem der kleinen Fachwerkhäuschen des Bauhofs befindet sich der Verlag, unterm Dach des stattlichen Gasthauses die Privatwohnung des Verlegers, weiträumig wie ein Loft, sparsam und schick eingerichtet. «Eine neue Zeit hat begonnen,» sagt Treuheit, lehnt sich im Sessel zurück und breitet die Arme aus. « Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden. Fröhlicher, kommunikativer, voller Energie und Tatendrang.» Er will laufen (Halbmarathon) und reisen, die Welt kennenlernen. Er steckt voller Ideen, hat große Pläne für die Zukunft, doch nie wieder wird er 80 Stunden die Woche arbeiten. Sagt er und lächelt fest. Er lächelt jetzt mehr als in seinem Leben davor. Die Augen lächeln nicht, sie sprechen mit graublauem Silberblick eher von Wehmut und Verwundbarkeit.

Er ist der Herr der Bücher, dieser schmalen Bände mit dem signifikanten weißen Rücken. Feine Bücher von überwiegend fränkischen Autoren, von Fitzgerald Kusz, Eckhard Henscheid, Elmar Tannert, Helmut Haberkamm oder Michael Zeller. Noch bekannter sind die überregionalen Kneipenführer von insgesamt 23 Städten «Zwischen Shrimps und Schaschlik» und «Zwischen Sekt und Selters». Doch vor drei Jahren wurde die Serie eingestellt. «Wir haben uns kritisch durchgefressen.»

Zu den schönsten Produkten von ars vivendi gehören freilich die Kalender, die alle Jahre mit Preisen bedacht werden, zu den anspruchsvollsten die hochgelobte Shakespeare-Gesamtausgabe in der Neuübersetzung von Frank Günther. An dieser «verlegerischen Großtat» (Spiegel) hängt sein ganzes Herz. «Das ist mein Lebenswerk.»

Bücher sind seine Welt. Das war schon immer so. Der kleine Norbert erlebte die großen Abenteuer beim Schmökern, er musste nicht selbst vom Baum fallen oder durchs Eis krachen. Jedenfalls kann man ihn sich heute kaum als frechen Lausbub mit aufgeschürften Knien vorstellen.

Geboren am 30. Oktober 1956 in Fürth wächst er mit einer Schwester in Cadolzburg auf; der Vater ist Prokurist bei der Bank, die Mutter Hausfrau. Nach dem Abitur am Hardenberg-Gymnasium in Fürth studiert Bücherwurm Norbert in Erlangen Bücher (will heißen: Anglistik, Germanistik und Iberoromanische Philologie), geht danach für zwei Jahre als Doktorand und Dozent nach England und absolviert anschließend in München ein Aufbaustudium in Buchwissenschaft.

In München werden die Weichen gestellt. Noch während des Studiums gründet er mit Kommilitonen den Verlag ars vivendi und gibt den 1. Fressführer heraus. «Doch in München, dieser zweitgrößten Verlagsstadt der Welt, wollte ich nicht Verleger sein.» Er geht zurück aufs Land und nährt sich redlich. Es ist ein ständiger Balanceakt zwischen Geld und Gunst. Treuheit verdient mit Kneipenführern, Frankenkrimis, Kalendern und fördert Talente. «Ich wollte den in Franken lebenden Schriftstellern eine Heimat geben.» Er gibt den Mäzen und könnte selbst einen brauchen.

Es ist nicht leicht, ein Büchermacher zu sein in multimedialen Zeiten, die Harry Potter hochleben lassen und König Lear begraben. «Heute bestimmen Hugendubel und Thalia den Markt,» sagt der Verleger, «alles muss im Mainstream fließen. Sobald der Anspruch steigt, sinkt die Nachfrage.» Aber das sind negative Gedanken, die gehören ins andere Leben. «Eines Tages werden wir einen nationalen Bestseller landen, davon bin ich felsenfest überzeugt.»

Bis es so weit ist, gibt es Schokolade, in literarische Sprüche verpackt, gibt es Tischlampions mit Aphorismen, gibt es Spiel und Spaß und demnächst diese Monumentalkalender - wie geschaffen für Managerbüros, Arztpraxen, Foyers, oder wo immer Geschmack etwas größer ausfallen soll.

Draußen hat ein Sturm die Hochzeitsgesellschaft ins Haus getrieben. Es blitzt und donnert, der Wind heult und lässt die hohen Bäume ächzen. «Genauso war das damals in jener Nacht.» Als der Anruf aus Regensburg kam, mit dieser Nachricht, so lang ersehnt und so unfassbar: «Wir haben die geeignete Leber.»

Treuheit hatte schon nicht mehr an Rettung geglaubt. Seit Jahren litt er an dieser schrecklichen, unheilbaren Krankheit (an chronisch cholestatischer Hepatitis), die zu Leberzirrhose führt. Im April 2006 ging es ihm so miserabel, dass die Chirurgen ihn auf die Dringlichkeitsliste für eine Transplantation setzten. Drei bis vier Monate Wartezeit, meinten sie, und dass die Aussichten im Sommer recht günstig seien.

Die dramatischen Ereignisse sieht Treuheit heute wie im Film: Den Hubschrauber aus Hamburg mit der gekühlten Leber an Bord; die Zitterpartie nach Regensburg, das Unwetter bedrohlicher Begleiter, die Angst, kurz vorm Ziel zu verunglücken. «Ich hatte schon mein Testament gemacht, doch ich wollte noch so vielen Leuten schreiben.»

Die Operation dauerte fünfeinhalb Stunden. «Ich war der 100. Patient, dem in Regensburg eine Spenderleber eingepflanzt wurde.» Aber noch viele gefährliche Komplikationen mussten überstanden werden, bevor das zweite Leben beginnen konnte. «Jetzt bin ich pumperlgesund», sagt Norbert Treuheit und strahlt. Zum Abschied drückt er dem Fotografen und mir ein paar Spenderausweise in die Hand mit der Bitte: «Don’t take your organs to heaven - heaven knows we need them here» (Nehmen Sie Ihre Organe nicht mit in den Himmel - der Himmel weiß, wir brauchen sie hier).