ars vivendi fördert Autoren seit 20 Jahren
09.08.2008, 00:00 Uhr
Herr Treuheit, 20 Jahre im Verlagsgeschäft sind eine lange Zeit. Die Konzentration nimmt auch im Buchgeschäft zu. Wie kann man sich da neben all den Verlagsriesen als Zwerg behaupten?
Norbert Treuheit: Die ständig voranschreitende Konzentration bei den Verlagen ist für uns weniger ein Problem. Als kleiner, unabhängiger Verlag ist man viel flexibler als die träge Masse der Konzernverlage, deren Programme immer uniformer und austauschbarer werden. Deshalb wollen wir auch in Zukunft nicht sehr viel größer werden. Viel gravierender wirkt sich für uns die Konzentration bzw. «Filialisierung» bei den Buchhandlungen aus. Fast jede zweite Woche eröffnet eine neue Thalia- oder Hugendubel-Filiale, was gleichzeitig meist die Übernahme oder Schließung einer mittleren Buchhandlung am jeweiligen Standort bedeutet. Doch diese Filialisten haben rigide Einkaufsbedingungen, die einen bestimmten Mindestumsatz verlangen. Den schaffen aber viele kleine Verlage nicht. Andererseits gibt es auch in den Buchhäusern der Filialisten engagierte Kollegen, die sich sehr für die Vielfalt in ihrem Sortiment einsetzen.
Ihr Verlagsprogramm hat sich in letzter Zeit auffällig verändert: Weniger Literatur, mehr Geschenkartikel könnte man es flapsig umschreiben. Was hat Sie dazu veranlasst?
Treuheit: Das ist nicht ganz richtig: Wir machen nicht weniger Literatur, wir machen nur verkäuflichere Literatur als früher und zusätzlich (zu unserem Buch-, Kalender-, und Postkartenprogramm) ein inzwischen ganz ordentliches Spektrum an sehr beliebten «Non-Books»-Artikeln. Betrachten Sie doch unser Buchprogramm der letzten drei Jahre: Allein zehn Regionalkrimis von fünf Autoren sind erschienen und sind sehr erfolgreich. «Dürers Mätresse» von Jan Beinßen etwa befindet sich in der sechsten Auflage! Ewald Arenz hat von seinen letzten beiden Titeln «Der Duft von Schokolade» und «Meine kleine Welt» über 20 000 Exemplare verkauft, sein Roman «Der Duft von Schokolade» wird im Herbst 2009 als Taschenbuch bei dtv erscheinen. Und unser Haupttitel im Herbst, «Der Falschspieler» von der in Amerika lebenden Autorin Jutta Roth, thematisiert einen realen Literaturskandal in der BRD der 50er Jahre und hat selbst das Zeug dazu, größte Aufmerksamkeit zu erlangen.
Wie schätzen Sie die fränkische Literaturszene im Vergleich zu Ihren Gründerjahren ein? Ein hoffnungsloser Fall, Raum für starke Köpfe oder Markt mit beschränkten Möglichkeiten?
Treuheit: Es hat sich ein wenig verändert, aber nicht genug. Es müsste einfach eine bessere literarische Infrastruktur geschaffen werden. Ein unabhängiger kleiner Verlag konnte in dieser Zeit ohne Unterstützung nicht mehr schaffen. Talente gäbe es sicher mehr. Doch junge Autoren wie Haberkamm, Tannert, Arenz oder Bronnenmeyer müssen in harter, langwieriger und kostspieliger Arbeit erst einmal aufgebaut werden, und jedes Mal ist damit ein beträchtliches finanzielles Risiko verbunden. Es mangelt einfach an Unterstützung für talentierte Schriftsteller von Seiten der Städte und Gemeinden, der Kulturämter und anderer Einrichtungen. Es gibt keine Jahresstipendien, keine Stadtschreiber. Da ist Bamberg mit der Villa Concordia die rühmliche Ausnahme.
Und was ist mit dem Nürnberger Literaturhaus?
Treuheit: Für mich nur ein nobles Lesungs-Haus, das renommierte Autoren aus aller Welt heranschafft. Wo sind denn, wie in anderen Literaturhäusern in Deutschland, die Schreibwerkstätten für Jungautoren, Schreibprojekte, (Übersetzer-)Seminare etc.? In Erlangen haben wir seit 27 Jahren ein bundesweit beachtetes Poetentreffen mit fast nur überregionalen Autoren. Warum knüpft man nicht besser daran an, damit auch literarische Talente in Franken Nutzen davon ziehen? Warum wird nicht stärker im Netzwerk gearbeitet? Aber wer mich kennt, weiß, dass ich nie aufgebe. Trotzdem habe ich mich in den 20 Jahren in gewisser Hinsicht wie ein einsamer Rufer in der Wüste gefühlt. Sehen Sie: In dieser ganzen Zeit wurde kein anderer nennenswerter Publikumsverlag gegründet.
Worauf sind Sie als Verleger stolz?
Treuheit: Dass wir bundesweit von Beginn an ein sehr gutes Image als kleiner, feiner Verlag besitzen. Dass wir die schöne Gesamtausgabe der Neuübersetzung von Shakespeare edieren. Dass wir in all den Jahren konsequent unserer Linie treu geblieben sind, anspruchsvolle und schöne Dinge zu produzieren. Und natürlich, dass wir nach 20 Jahren lebendiger sind als je zuvor - trotz der Zäsur durch meine schwere Krankheit vor zwei Jahren.
Wenn Sie heute noch mal einen Verlag gründen könnten, was würden Sie anders machen?
Treuheit: Auch wenn es der schönste Beruf ist, den ich mir vorstellen kann, und wenn ich nun in meinem zweiten Leben vor Elan nur so strotze und als Verleger noch sehr viel vorhabe: Ich würde mit Sicherheit heute keinen Verlag mehr gründen, denn ich weiß inzwischen zu genau, wie unsagbar schwer es ist, ohne größere finanzielle Mittel einen solchen (literarischen) Verlag aufzubauen. Es wäre eine andere Sache, wenn mir jemand ein, zwei Millionen in die Hand drücken und sagen würde: «Mach einen schönen Verlag daraus!»