Che Guevara als Modell

30.10.2008, 00:00 Uhr
Che Guevara als Modell

© Rempe

Durchlöchert von Kugeln liegt er auf einer Bahre in einem armseligen bolivianischen Waschhaus: Che Guevara. Fotoreporter haben die Szene vor 41 Jahren dokumentiert. Albert Reichenberg hat sie nachgebaut. Geformt aus Modelliermasse und detailgetreu bemalt stehen die Figuren jetzt im Wohnzimmer der Familie. Rund 40 Zentimeter ist jede von ihnen groß. Den toten Helden gibt es gleich drei Mal, dargestellt so, wie es die verschiedenen Aufnahmen zeigen. Das alleine wäre ja schon verblüffend genug. Doch nach Reichenbergs Vorstellungen hat Uwe Wildfeuer (44) auch die legendäre Waschküche des Krankenhauses von Vallegrande errichtet. Ein wahrhaft außergewöhnlicher Blickfang zwischen Sofaecke und Schrankwand.

Der Weg des Revolutionärs nach Veitsbronn begann 1968. Da entdeckte Albert Reichenberg in der Teenie-Postille das berühmte Foto, das den Arzt aus Argentinien zur Pop-Ikone werden ließ. Den Jungen ließ das Bild des charismatischen Mannes nicht los. Für das begehrte Poster reichte sein Taschengeld bei weitem nicht: «Da habe ich ihn gemalt», erzählt der 48-Jährige, der seither wusste: «Ich kann alles malen, wenn ich will.» Seine Che Porträts in Öl zieren heute neben surrealistisch anmutenden Werken die Wände des Hauses.

Mit 15 erstand der autodidaktische Künstler eine Guevara-Biografie («Vorher hab‘ ich nicht gewusst, was der gemacht hat»). Das liebevoll zerlesene Taschenbuch steht noch immer in einer Vitrine - neben einer selbst gefertigten Büste des Guerillaführers. Und einer Flasche «Vino Che», die Ehefrau Birgit für ihren Mann entdeckte. Nein, sagt Reichenberg, politisch beeinflusst habe ihn der revolutionäre Marxist nicht: «Ich bin nicht kommunistisch oder so, aber er war für die Armen da.» Das findet der Familienvater, der auf Arbeitssuche ist, gut. Reichenberg war Vorarbeiter bei der AEG in Nürnberg. Vor zwei Jahren hat er verzweifelt um seinen Job gekämpft.

Erstaunliche Ähnlichkeit

Ein Foto von ihm, dass ihn beim Streik mit Karikaturen zeigt, die er von Electrolux-Chef Hans Stråberg gezeichnet hatte, wurde damals bundesweit gedruckt. «Der Che Guevara von Nürnberg» stand unter der Aufnahme. Und, ja, das passt. Die Ähnlichkeit ist erstaunlich. Zumal Reichenberg auf dem Bild eine schwarze Baskenmütze trägt, die er mit einem kleinen Stern geschmückt hat («Hab’ ich lange nach gesucht»). Hören will er von dem Vergleich nichts: «Der Che hat im Tod besser ausgesehen, als ich lebend.»

Als am 9. Oktober 2007 der 40. Todestag Guevaras anstand, kam dem Veitsbronner die Idee für seinen großen Modellbau. Exakt ein Jahr lang arbeitete er ungezählte Stunden daran. Meistens nachts, zu den Klängen von Pink Floyd. So entstanden 13 große Figuren, jede ist rund zwei Kilo schwer und mit Blick für jede Einzelheit geformt und bemalt. Die Uniformen der schwerbewaffneten Soldaten, die um den Toten stehen, sind so originalgetreu gestaltet wie die Kameras der eifrigen Reporter. Blutrot leuchten die Schusswunden am Körper des Hingestreckten.

Freund Uwe Wildfeuer ließ sich von Reichenbergs Projekt anstecken und begann mit dem Bau des Waschhauses, das nun auf einer Platte steht, deren Füße sorgfältig mit der Oberfräse profiliert und dann vergoldet wurden. Allein für das Dach hat der «Allround-Handwerker» mit den optimistischen Schnurrbartspitzen 1300 Ziegel von Hand ausgesägt und geschliffen. Zum Dank malte ihm Reichenberg ein Riesenbild mit Dalí-Motiven, das jetzt Wildfeuers Wohnzimmer schmückt.

«Ich bin kein gelernter Künstler», sagt der Mann, der so hingebungsvoll gestaltet und in seinem Haus ganze Zimmer Wand für Wand mit verlockenden Fantasie-Landschaften verziert hat. «Das ist eine Gottesgabe, ich kann’s halt.» Ausstellen würde er schon gerne einmal. Natürlich auch sein Che-Diorama. Eines noch ist ihm wichtig: «Er ist nicht mein Idol, so würde ich das nicht nennen.» Da sei nur diese unbeschreibliche Faszination. Und Typen wie Guevara seien halt nicht nachgekommen. «Es ist eine schlechte Zeit für solche Helden.»