Mit Leidenschaft im Reich der Klänge
08.08.2012, 12:00 Uhr
Herbert Fenzel umklammert das Griffbrett seiner Geige und rückt seine Brille zurecht. Langsam, fast bedächtig streicht er mit dem Bogen über die Saite, während sein Zeigefinger auf dem dünnen Draht ruht. „Ja..., gut so! Besser!“, ruft es aus der anderen Ecke des Raumes. Ralph Krause wirkt jetzt zufrieden, zwischen seinen Beinen ruht sein Violoncello. „Das H ist gerne zu hoch“, erklärt der Cellist und nickt dabei verständnisvoll.
Ralph Krause ist Dozent an der Fränkischen Kammermusik-Akademie. An fünf aufeinanderfolgenden Tagen im Jahr bringt er Berufstätigen, Jugendlichen und Senioren an der Musikschule die Kunst des Kammermusizierens bei. Er hilft gerne, wenn es mit der Intonation hapert, er erklärt den Unterschied zwischen forte und fortissimo und korrigiert.
„Eigentlich ist das Neuland für mich“, gesteht der Cellist, der Mitglied der Staatsphilharmonie Nürnberg ist und deswegen regelmäßig mit Profi-Musikern spielt. „Hier beherrscht jeder sein Instrument auf seine eigene Weise“, so Krause. „Dafür hat das Zusammenspiel für Laien etwas Großes, Heiliges, während Profis oft mit weniger Gedanken an ein Stück herangehen.“
An Grenzen
Sein erwachsener Schüler Herbert Fenzel, der beruflich als Arzt tätig ist, wirft ein: „Wir kommen zwar an unsere Grenzen, aber die Dozenten ertragen es auch, wenn wir mit der Intonation kämpfen.“ Er lacht und die anderen Kursteilnehmer nicken zustimmend mit den Köpfen.
Zu viert — zwei Geigen, eine Bratsche und ein Cello — sitzen sie heute Abend im obersten Stockwerk der Musikschule und proben ein Streichquartett Haydns in C-Dur. Dabei fallen Sätze wie „Lasst uns beim Crescendo aus dem Piano beginnen.“ Für einen Laien ist das nicht viel verständlicher als Chinesisch. Doch die Schüler wissen genau, welche Stelle gemeint ist. Und während die ersten Takte des Finales aus den offenen Fenstern in den abendlichen Südstadtpark wehen, bleiben unten einige Passanten stehen und lauschen den schönen Klängen.
„Dass wir hier die Räume in der Schule benutzen dürfen, ist Gold wert“, findet Monika Treutwein, die die Kammermusik-Akademie zusammen mit Bernd Müller vor fünf Jahren gegründet hat. Neben seiner Arbeit als Dozent im Kammermusikkurs ist Müller auch als Leiter der Jungen Fürther Streichhölzer, das vor rund 30 Jahren aus Schülern der Musikschule hervorging, tätig.
Seit den ersten Anfängen der Akademie hat sich einiges verändert: Die Teilnehmerzahlen steigen stetig, immer mehr Dozenten begeistern sich für das Projekt. „Vom Kind bis zum Rentner, von der Hausfrau bis zum Chefarzt ist hier alles vertreten“, so Treutwein, die selbst Cello und Klavier spielt. Was sie eint, ist der Spaß an der Musik, die Liebe zum Instrument. „Das Training mit echten Profis motiviert noch zusätzlich“, weiß die Musikerin. Oft fehle es auch schlicht an geeigneten und begeisterungsfähigen Mitspielern für ein Stück. Ein Glück, dass der Musikkurs hier Abhilfe schaffen kann.
Genau aus diesen Gründen spielt Dorothee Szerman schon seit drei Jahren an der Kammermusik-Akademie. Szerman, die eigentlich Physiotherapeutin ist, tauscht am Feierabend gerne den Gymnastikball gegen ihre Geige ein. „Es ist einfach eine gute Gelegenheit, gemeinsam zu musizieren, und ich lerne viel“, so die Therapeutin, die schon seit Kindertagen den Bogen schwingt. In ihrer Gruppe steht heute ein Streichquintett von George Onslow mit zwei Geigen, zwei Celli und einer Bratsche auf dem Programm. Das ist eine recht ungewöhnliche Zusammensetzung, die aber fantastisch klingt. Nicht zuletzt liegt das aber auch an den beiden Dozenten Christopher Scholz an der Bratsche und Bernd Müller an der Geige.
Während des Musizierens schwingen sich die Künstler zu ihrer Höchstform auf und wiegen die Instrumente auf ihren Schultern wie kleine Kinder. Auch Dorothee Szerman schlägt sich angesichts dieser geballt virtuosen Spielkunst mehr als tapfer.
Nach ein paar Takten folgt eine kurze Unterbrechung. „An den lauten Stellen klingt es immer, als würden wir einen Pfahl in den Boden rammen“, bemerkt Bernd Müller halb kritisch, halb ironisch. Das Quintett startet einen zweiten Versuch, diesmal klappt es schon besser. „Es muss nicht perfekt sein, dafür ist es oft einfach lebendig“, erklärt der Künstler. Geigen, Celli, Bratschen: Fehlen da nicht noch die Bläser? „Ein Dozent für Blasinstrumente wäre noch schön“, so Monika Treutwein. „Aber das“, sagt die Musikerin, „ist vorerst noch Zukunftsmusik.“
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