Ode an die Selbstbefreiung

26.06.2015, 18:58 Uhr
Ode an die Selbstbefreiung

© Foto: Edgar Pfrogner

Sie wusste, dass sie als Jüdin im Nationalsozialismus dem Tod geweiht war. Wie ihr so preußisch denkender Vater, der in Theresienstadt ermordet worden ist. Obwohl Gertrud Kolmar nach England hätte fliehen können, blieb sie im Haifischbecken. Schon, um der braunen Mörderbande den Triumph nicht zu gönnen. Der immer deutlicheren Todesgefahr begegnete sie mit einem gewaltigen Freiheitsfieber. Und gerade dem spüren Martina Roth und Johannes Conen in ihrem multimedialen Kraftakt nach.

80 Minuten ohne Pause absolut synchron zu den Filmsequenzen im Hintergrund zu agieren, das ist theatralischer Extremsport. Eine Kunst, in der die aus Dinkelsbühl stammende Martina Roth jedoch bereits einige Übung hat. Zuletzt legte sie davon in der Endzeitballade „Staub“ Zeugnis ab, die 2012 im Kulturforum zur Auseinandersetzung mit der menschenverachtenden Mordmaschinerie der Konzentrationslager anregte. Damals wie heute spielt Roth gegen das Vergessen an.

Während sie permanent präsent die Bühne beherrscht, schafft der Beitrag ihres Partners die Szene. 18 Filme hat der aus Venlo in den Niederlanden stammende Johannes Conen mit Martina Roth gedreht, zusammengeschnitten und kombiniert. So zeigt er die verschiedenen Facetten der Persönlichkeit von Gertrud Kolmar. In der bewegten Zusammenschau mit der Darstellerin erlebt der Betrachter eine mehrdimensionale Persönlichkeit. Eine Sichtweise, die dem Hang zur Vereinfachung diametral gegenüber steht. „Da werden Nanosekunden zu Momenten“, beschreibt Conen die Wirkung der Filmsequenzen.

„Eine große Person“

Es ist keine leichte Kost, die nach der Uraufführung am 16. Juni in Luxemburg in Fürth auf die Bühne kommt. Und ein Thema, das nicht kalt lässt. Was bewegt, ist die Frage, wie mutig wäre man in einer derart dramatischen Situation selbst gewesen? „Für mich ist Gertrud Kolmar eine große Person“, bekennt Martina Roth.

Ihr huldigt sie reflektiert, denn das Stück von Gerlind Reinshagen erhebt keinen autobiographischen Anspruch, will vielmehr verdeutlichen, was in der 1894 geborenen Lyrikerin vorgegangen ist, die vor ihrer Deportation zwölf Stunden am Tag bei brütender Hitze in einer Berliner Kartonagenfabrik schuften musste. Gertrud Kolmar, die in der Weimarer Republik gefeiert worden war, hat diese entwürdigende Situation auf sich genommen und durchgestanden bis zu ihrer Deportation 1943.

Von einer gänzlich anderen Seite haben sich Roth und Conen der Dichterin Kolmar in ihrem musikalischen Bewegtbildtheater „Ich bin ein Kontinent“ genähert. Unter den vertonten Gedichten sind auch Liebeslieder. Zusammen mit dem Theaterprojekt „Herzkeime“, das Roth und Conen den Gedichten von Nelly Sachs und Selma Meerbaum-Eisinger gewidmet haben, ist eine spannende Trilogie über Frauenschicksale im Zweiten Weltkrieg entstanden.

Bei ihrer Spurensuche hat Martina Roth Gertrud Kolmars Nichte in Brasilien ausfindig gemacht. Sie habe den Wunsch, nach Berlin zurückzukehren, wo auch Gerlind Reinshagen lebt, berichtet die Schauspielerin. Zur Premiere in Fürth hat sich auch Johanna Woltmann angesagt, die Biographin von Gertrud Kolmar. Die Bühne in der ehemaligen Großviehschlachthalle wurde für die beiden Aufführungen an die Querseite verschoben, die nur 100 Zuschauerplätze auf einer Tribüne untergebracht. So kann der Blick nicht von den gusseisernen Säulen behindert werden, die dem Raum seine unverwechselbare Atmosphäre verleihen: Barrierefreiheit, die der Auseinandersetzung dient.

Deutsche Erstaufführung: Die Frau und die Stadt, Eine Nacht im Leben der Gertrud Kolmar, nach dem fiktiven inneren Monolog von Gerlind Reinshagen, mit Johannes Conen (Bewegtbild) und Martina Roth (Schauspiel), Koproduktion des Stadttheaters Fürth mit dem Théatre de la Ville de Luxembourg, 26. Juni und 27. Juni, jeweils 20 Uhr, Kulturforum Fürth, große Halle, Premiere 22 Euro, zweite Vorstellung 20 Euro,

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