Über den Sport das Selbstwertgefühl stärken
03.10.2008, 00:00 Uhr
Eigentlich sollte man meinen, im Sport käme es auf geistige Leistungsfähigkeit nicht so sehr an. Dennoch haben es geistig behinderte junge Menschen auch hier schwer, wenn sie nicht speziell gefördert werden, weiß Karlheinz Händl, Leiter des LLS. «Nicht behinderte Jugendliche können neben dem Schulsport auch in verschiedenen Vereinen ihren Neigungen nachgehen. Im Falle einer geistigen Behinderung sieht die Lage anders aus», sagt er. Zwar würden auch an Förderschulen sportliche Neigungsgruppen angeboten und seien dort auch sehr beliebt, nach Verlassen der Schule hätten diese jungen Menschen jedoch meist keine Möglichkeit mehr, ihrem Talent entsprechend gefördert zu werden.
«In normalen Sportvereinen hätten unsere Schützlinge keine Chance. Sicher, sie sind alle sportlich sehr talentiert, allerdings brauchen sie eben mehr Zuwendung als nicht behinderte Sportler und man muss ihnen mit viel Geduld teilweise mehrmals erklären, was sie tun sollen», so Händl. So kam es im Juli 2001 zur Gründung des Landesleistungsstützpunktes Leichtathletik, der jeweils zur Hälfte vom Behinderten- und Versehrtensportverband (BVS) und von der Lebenshilfe finanziert wird.
Der Stützpunkt orientiert sich am Leistungssport und ist damit einer von gerade mal drei derartigen Einrichtungen in ganz Deutschland. Aus ganz Bayern kommen die Sportler, die alle sechs Wochen ein Wochenende in der LAC-Sporthalle am Finkenschlag verbringen. «Natürlich reicht das alleine nicht aus. Wir sind auf Zusammenarbeit mit den Sportvereinen in den Heimatorten unserer Schützlinge angewiesen», betont Händl. «Unsere Aufgabe ist es, die Koordination und das soziale Trainingsverhalten unserer Athleten ausreichend zu schulen, damit sie integrativ an normalen Trainingseinheiten mit Nichtbehinderten teilnehmen können.»
Teilnahme an Weltmeisterschaften
Für die Sportler des LLS bedeutet dies einen großen Schritt in Richtung Akzeptanz und Normalität. Im Leistungssport sehen sie eine Chance, Erfolge zu erringen und damit aus dem täglichen Frust des Andersseins auszubrechen. Entsprechend waren auch alle mit Begeisterung bei der Sache, als am vergangenen Samstag beim ersten gemeinsamen Training nach der Sommerpause gesichtet wurde, wer in der Leistungsgruppe bleiben darf und wer erst einmal in Breitensportgruppen wechseln muss.
Laut Händl hat der Stützpunkt zurzeit 22 Talente, die nicht nur zu Bayerischen und Deutschen, sondern auch zu Europa- und Weltmeisterschaften fahren. «Diese Fahrten machen natürlich einen besonderen Reiz aus und deswegen strengen sich hier auch alle an, um weiterhin am LLS trainieren zu dürfen», sagt der Leiter.
Bei dieser ersten Sichtung der Saison sind auch immer wieder neue Talente dabei, die beispielsweise beim jährlichen Sportfest der mittelfränkischen Förderschulen und der Lebenshilfe entdeckt und in den Stützpunkt eingeladen wurden. Einer davon ist der 19-jährige Salvatore. Für Außenstehende ist es kaum vorstellbar, dass er noch nie zuvor an einem Leistungstraining teilgenommen hat: Elegant, mit großen Schritten und pfeilschnell sprintet Salvatore durch die Halle, immer auf Augenhöhe mit einigen Deutschen Meistern und Teilnehmern an Europameisterschaften.
«Ich habe neun Jahre lang beim DJK Bayern Fußball gespielt», erzählt Salvatore in einer kurzen Verschnaufpause zwischen Lauf- und Krafttraining, «aber da hatte ich keine Lust mehr drauf». Vielleicht wird er sich jetzt aufs Laufen konzentrieren, da ist sich der junge Mann noch nicht sicher. Fest steht für ihn nur, das er «was anderes» machen möchte.
Während Salvatore mit seinen Laufkollegen noch einen kleinen Staffelwettkampf durch die Halle veranstaltet, macht Stützpunkttrainerin Heike Behmer mit den Jüngeren verschiedene Übungen zur Koordination und Körperbeherrschung. «Bei den Schülern orientieren wir das Training noch nicht so sehr an Leistungen. Sie sollen lernen, ihre Bewegungsabläufe gezielt zu steuern und ihre Schnelligkeit zu verbessern», erklärt Behmer.
2002 begann sie als Betreuerin am LLS, seit nun fünf Jahren trainiert sie mit den Schülern. Ihr zufolge brauchen die Kinder auch im Sport mehr Abwechslung als Erwachsene. «Wenn sie älter werden, können sie natürlich gezielt ihre Schwerpunkte setzen und sich auf einzelne Disziplinen spezialisieren, wir fangen jedoch immer mit einer bunten Mischung aus Turnen, Weitsprung, Laufen und spielerischen Bewegungsabläufen an», so Behmer.
Betrug bei Paralympics
Dabei sind die Schüler nicht weniger erfolgreich als die Älteren: Der 13-jährige Dominik etwa holte bei den Deutschen Meisterschaften Bronze im Dreikampf, einem Wettkampf, bestehend aus Weitsprung, Sprint über 75 Meter und einer weiteren Disziplin nach Wahl.
Die zwölfjährige Denise trainiert erst seit Januar am LLS, auch sie wurde beim Sportfest der Lebenshilfe entdeckt. Den Sport nimmt sie sehr ernst, drei Mal pro Woche trainiert sie regelmäßig, um ihre Leistungen zu steigern. Mit Erfolg: Sie hat bereits den Bayerischen Meistertitel im Weitsprung und im Sprint über 50 Meter geholt. Den Sprint mag Denise auch besonders gern, nur Einlaufen findet sie «schrecklich». Ihr Ehrgeiz ist mit diesen ersten Erfolgen noch lange nicht gestillt: Als nächstes möchte Denise bei den Deutschen Meisterschaften antreten und könnte sich auch vorstellen, an Weltmeisterschaften teilzunehmen.
«Das Problem der geistig Behinderten im Sport ist leider, dass man vielen ihre Behinderung nicht anmerkt», meint Andreas Eder, Welt- und Europameister der Senioren im Hammerwerfen und Wurftrainer am LLS, «und damit kann leider auch Missbrauch getrieben werden: Bei den Paralympics 2002 liefen im spanischen Basketballteam der geistig Behinderten auch zwei Ärzte auf, die sich selbst eine Behinderung attestiert hatten. Die Spanier gewannen die Paralympics, der Betrug flog auf. Seitdem werden zu den Paralympics nur noch körperbehinderte Sportler zugelassen.» Ersatzweise wurden zwar die Special Olympics für geistig Behinderte eingeführt, die immer ein Jahr vor den Olympischen Spielen stattfinden, diese erhalten jedoch längst nicht das Medienecho der Paralympics.
«Auf öffentliche Anerkennung kann man im Behindertensport lange warten», meint Claus Eidam, Cheftrainer des LLS und ehemaliger Cheftrainer des LAC Quelle Fürth, «dafür spornen uns die zahlreichen positiven Rückmeldungen durch unsere Sportler immer wieder von Neuem an.» Zwischen behinderten Sportlern und ihren Trainern müsse die Chemie stimmen, sonst sei eine erfolgreiche Zusammenarbeit nicht möglich. «Als Trainer muss man viel Geduld haben, den richtigen Umgang mit seinen Schützlingen zu lernen und man muss, besonders am Anfang, mehr Hilfestellung geben», sagt Eidam. «Wenn das funktioniert, wird man als Trainer für alle Mühen reichlich entschädigt, denn unsere Athleten sind wahnsinnig dankbar und zeigen uns auch ihre Freude über die Möglichkeit, Erfolge zu erleben und dadurch ihr Selbstbewusstsein zu stärken.»
Mehr Verantwortung
Die nationalen und internationalen Erfolge des LLS sind da nur ein weiterer Beweis dafür, dass das Konzept des Stützpunktes funktioniert. «Der Reiz an der Arbeit mit Behinderten besteht für mich darin, sportliche Bewegungsabläufe auf ihr Wesentliches zu reduzieren und verständlich zu vermitteln», erläutert Simon Werhahn, der Vierte im Bunde der Trainer am LLS, «außerdem macht die Arbeit Spaß, besonders, weil wir Trainer als Team sehr gut miteinander harmonieren».
Er und seine Kollegen müssten im Vergleich zu anderen Trainern mehr Verantwortung übernehmen, da manche ihrer Schützlinge beispielsweise nur einen Intelligenzquotienten von 30 hätten oder auf regelmäßig einzunehmende Medikamente angewiesen seien. «Aber», sagt Wehrhahn, «mit ihrer Begeisterung für den Sport machen sie alle unsere Anstrengungen wieder wett.»
Informationen zum Leistungssport am Stützpunkt erteilt Heike Behmer: mobil (01 79) 4 51 54 12 oder heike_behmer@yahoo.de.