"Mia san mia": Wie Bayern an seinem Mythos strickte
29.04.2018, 12:14 Uhr
Das Alpenpanorama und die Königsschlösser sind die Bilder, die jeder Auswärtige im Kopf hat, wenn er an den Freistaat denkt. "Mia san mia" verkündet nicht nur der FC Bayern München, sondern ganz Oberbayern ist dafür bekannt, mit stolzgeschwellter Brust sein Bajuwarentum vor sich herzutragen. Dieses Selbstverständnis, diese Überzeugtheit von der eigenen Überlegenheit hat natürlich auch die seit Jahrzehnten im Freistaat allmächtige CSU verinnerlicht.
Einen Freistaat gab es in Deutschland jahrzehntelang nur in Bayern, erst in den 1990ern folgten Sachsen und Thüringen. "Bayern signalisierte damit eine herausgehobene Stellung, obwohl es nach der Verfassung der Bundesrepublik genauso ein Bundesstaat war wie jeder andere. Trotzdem hat sich Bayern Sonderrechte herausgenommen, zum Beispiel eine eigene Außenpolitik", meint Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, das die Landesausstellung "Wald, Gebirg und Königstraum - Mythos Bayern" organisiert und gestaltet.
Woher kommt das bayerische Selbstbewusstsein?
Die Schau im Kloster Ettal im Landkreis Garmisch-Partenkirchen soll zeigen, woher das bayerische Selbstbewusstsein kommt, wie es sich aus Elementen wie Alpen, Gebirgswäldern und Bergseen, Dirndl und Lederhose, Königsschlössern und Barockkirchen, wirtschaftlicher Potenz und Naturverbundenheit entwickelt hat.
Zu Beginn der Ausstellung taucht man gleich in einen dichten Urwald ein, inszeniert mit großen Kulissenteilen. Hier ist das ursprüngliche, bewaldete Bayern zu sehen, die unberührte Natur und die urwüchsigen Bewohner. Erstmals öffentlich ausgestellt ist an dieser Stelle ein 15 Meter langer Einbaum, der vor über 3000 Jahren am Starnberger See aus einem Eichenstamm herausgearbeitet wurde.
"Er erzählt die Geschichte von der Ewigkeit des Waldes", erläutert Ausstellungskuratorin Margot Hamm. Ursprünglich sollte sich die Landesausstellung nur dem Mythos Wald widmen. Doch schon bald erkannte man, dass man zum 100. Geburtstag des Freistaates viel mehr mit einbeziehen sollte.
Trachten und Schlösser
"Für die Themen musste man im Grund denken wie ein Tourist: Die Landschaft der Voralpen und der Berge, die Trachten, die Königsschlösser, die Klischeebilder", erklärt Hamm. Doch wie stellt man etwa das Thema "Trachten" dar, wenn man dafür nur 20 Quadratmeter zur Verfügung hat, wenn es dabei eine solch gewaltige Vielfalt gibt? In der Ausstellung geschieht dies zum Beispiel durch zwei Gemälde. Eines zeigt den Wittelsbacher Max II. und seine Gefolgschaft in Tracht, das andere eine Schuhplattlerszene im Wirtshaus.
Die Vielfalt schließlich deckt eine Medieninstallation ab. Ein Paar ist als Schattenriss dargestellt, auf den durch einen Zufallsgenerator Trachtenstücke in wilder Kombination projiziert werden. Vom bewaldeten Eingangsbereich steigt man in der Ausstellung eine Treppe hinauf in die Berge - keine Angst: auch einen Aufzug gibt es natürlich - der Wald wird lichter, die Exponate werden freier präsentiert. Langsam schält sich heraus, wie der Mythos Bayern entstand.
Der "Sonderstatus Bayern"
"Für den Sonderstatus Bayerns gibt es eine ungeschriebene Legitimation, das Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein. Und dahinter steckt eine Gründungslegende, eine Saga, eben der Mythos Bayern", erläutert Richard Loibl, der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte.
Und diese Legende ist vergleichsweise jung. Denn früher bevölkerten nicht Heerscharen von Wanderern die Berge. Im Gegenteil: Das Gebirge galt als gefährliche Wildnis. "Niemand ging freiwillig dorthin", verdeutlicht Loibl. Erst 1820 bestieg der Landvermesser Joseph Naus die Zugspitze, zuvor hatte 1792 Matthias Flurl die erste geologische Karte Bayerns veröffentlicht.
Gebirgslandschaften gingen um die Welt
"Den Naturwissenschaftlern folgten die Maler, die sich vor Bergkulissen in die freie Natur setzten. Über Welt- und Kunstausstellungen gingen die Gebirgslandschaften um die Welt, wurden in Grafiken und Postkarten tausendfach reproduziert", erzählt Loibl. Dadurch hat sich das heute so omnipräsente Bild von Bayern auf der ganzen Welt verbreitet.
"Das ist ein gemachter Mythos", betont Hamm. Dabei half natürlich das bayerische Bier, das man in Bierpalästen trank, die das Bild von der bayerischen Gemütlichkeit in der Welt prägten. "Und auch die Wittelsbacher stellten sich als Teil des Mythos zur Verfügung. Sie waren sehr interessiert daran, dass sich ein Staatsgefühl entwickelt", meint die Ausstellungsmacherin. Profitiert habe der Mythos auch davon, dass sich das Staatsgebiet seit dem Jahr 1810 kaum mehr verändert hat.
Rundum-Panorama Skizzen
Die Geburt der Königsschlösser kann man in Ettal in einem eigens errichteten Holzpavillon im Klostergarten erleben. In dem Bau mit 20 Metern Durchmessern erscheinen auf einem Rundum-Panorama Skizzen der geplanten Königsschlösser, die immer wieder verworfen, radiert und neu skizziert werden.
Schließlich kristallisieren sich die tatsächlich erbauten Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof sowie das Königshaus am Schachen heraus, während die nie verwirklichten chinesischen und byzantinischen Paläste wieder in der Versenkung verschwinden. Mit den Malern begann der Alpentourismus, der ab 1890 so richtig loslegte, als Maximilian Schmidt, der später quasi als Ehrentitel "Waldschmidt" genannt wurde, den "Landesverband zur Hebung des Fremdenverkehrs in Bayern" gründete.
Verschönerungsvereine pflanzten Alleen, legten Spazierwege an, stellten Bänke auf. Der 1869 gegründete Alpenverein arbeitete daran, die Berge zugänglich zu machen. Am Kreuzeck bei Garmisch fuhr schließlich im Jahr 1926 die erste Seilschwebebahn Bayerns.
Heile Welt beim Watschentanz
Bei zünftigen Heimatabenden fanden die Touristen mit Schuhplattler, Watschentanz und Einaktern die heile Welt. "Die Einheimischen haben gemerkt, dass dieses Produkt, dieses Bayern-Bild sich gut verkauft und haben verstärkt darauf gesetzt", erklärt Hamm.
Im Kloster Ettal ist der Mythos vor allem eines: interaktiv. An einer Sägestation kann man selbst ausprobieren, wie viel Kraft man benötigt, um Bäume zu Fall zu bringen. Mit einem Joystick kann man sich überdies virtuell in die Fahrerkabine eines Harvesters begeben und den Wald bewirtschaften, wie es heute üblich ist, oder sich auf dem Bildschirm bei einem Autorennen auf der berühmten Kesselbergstrecke zwischen Kochel- und Walchensee messen. Aber auch als Landschaftsmaler oder Fingelhakler kann man sich versuchen.
In der Selfie-Station verewigen
An einer Fotostation dürfen sich die Besucher schließlich mit Bayern-Utensilien ausstatten und ablichten, und wer will, kann sich bei einer Selfie-Station so verewigen, dass das eigene Porträt in Passbildformat an einer Wand erscheint, an der das bayerische Wappen prangt. "Am Schluss soll daraus ein Raum voll mit Menschen entstehen, die letztlich zusammen das heutige Bayern ausmachen", betont Hamm.
Höhepunkt der Ausstellung sollen aber die Alpen selbst sein, die man am Ende des Rundgangs in voller Pracht bewundern kann, wenn man in den jahrzehntelang verwilderten und nun wiederbelebten Kloster-Kräutergarten betritt, in dem die wichtigsten Alpenpflanzen versammelt sind.
Die Ausstellung ist vom 3. Mai bis zum 4. November im Kloster Ettal, Kaiser-Ludwig-Platz 1 in Ettal, zu sehen. Täglich 9 bis 18 Uhr.
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