Mobbing

Morde und Gewalt unter Kindern: Werden Teenager immer öfter zu Tätern?

Alicia Kohl

Redakteurin

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02.04.2025, 05:00 Uhr
Mobbing geht Taten von Kindern oft voraus.

© IMAGO/Ute Grabowsky/IMAGO/photothek Mobbing geht Taten von Kindern oft voraus.

Zwei Mädchen bringen 2023 eine Zwölfjährige um, mit mehreren Messerstichen. Sie verblutet nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Ein 13-Jähriger versucht 2025 mutmaßlich einen Mitschüler zu töten. Der Junge kommt mit mehreren Stichwunden am Hinterkopf in ein Krankenhaus. Noch am selben Tag kündigt ein 14-Jähriger an, am nächsten Tag auch ein Messer mit in die Schule zu bringen. Der Schulleiter passt den Jungen am nächsten Tag vor Betreten des Gebäudes ab, die Polizei findet ein Küchenmesser in seiner Schultasche.

Solche Fälle kommen immer wieder mal vor: Kinder, die zur Waffe greifen, die zum Teil sogar töten wollen. Das Entsetzen ist dann besonders hoch, die Fälle sind in der öffentlichen Wahrnehmung entsprechend präsent. Angestiegen ist die Zahl aber nicht, sagt Janine Mendel, Pressesprecherin der Polizei Mittelfranken. „Schwere Delikte sind die absolute Ausnahme.“ Straftaten von Kindern und Jugendlichen beschränken sich gewöhnlich auf Ladendiebstähle, Sachbeschädigungen zum Beispiel Graffiti und Körperverletzungsdelikte einfacherer Art wie Schlägereien auf dem Schulhof. Dazu kommen laut Mendel noch Sexualdelikte, „die sich aber hauptsächlich auf das Verschicken von Nacktbildern oder pornografischem Material beziehen“. Die großen Fälle würden aber natürlich aus der Masse herausstechen und dadurch besonders in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit rücken. „Das sind aber absolute Einzelfälle“, betont Mendel.

Trotzdem passieren sie. Aber warum? Diese Frage stellt sich auch Yonca Izat, Chefärztin an der Oberberg Fachklinik Wasserschlösschen und Fachärztin für Kinderheilkunde, Kinder-und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie. Denn den Begriff des Todes, also dass jemand unwiderruflich tot ist, verstehen Kinder ungefähr mit acht oder neun Jahren, sagt sie. Ob sie deswegen auch die Folgen ihres Handelns abschätzen können, wenn sie ein Messer in die Hand nehmen, sei aber nochmal etwas anderes. Das sei individuell und hänge von der geistigen Entwicklung und der Reife ab. Eine große Rolle aber spiele Empathiemangel. „Je belasteter jemand ist, umso weniger hat er inneren Raum für jemand anderen“, erklärt die Ärztin. „Wie belastet muss ein Kind also sein, wenn die Aggressionshemmung so stark sinkt, dass es zur Waffe greift?“

Alle Kinder brauchen Aufmerksamkeit

Da frage man sich, wo die Erwachsenen drumherum sind, so Izat. „Diese Kinder sind in eine Situation geraten, die nicht gut ist - die Opfer, aber auch die Täter. Was ist mit den Bezugspersonen?“ Denn das Wichtigste für die Entwicklung von Kindern sei das Setting und das Umfeld, in dem sie aufwachsen. „Das, was Kinder erleben, formt ihr Gehirn“, sagt Izat. Vermitteln die Bezugspersonen Empathie, Hilfsbereitschaft und Zuneigung, könne das Kind auf gelassener und weniger gewaltbereit auf eine frustrierende Welt schauen. Ist das dagegen nicht der Fall, verändere das die Gewaltbereitschaft gegenüber anderen enorm.

Daher müsse der Fokus laut Izat mehr auf der Basis für eine gute kindliche Entwicklung liegen. Dabei gehe es auch um die Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern und Lehrkräften, um deren Wissen zu gesunder psychischer Entwicklung und deren Blick für frustrierte, aggressive Kinder zu schärfen. Es brauche mehr Geld im System Kindererziehung, mehr Menschen, die gut ausgebildet werden und nicht nur aufpassen, sondern auch psychisch begleiten können. Denn verhindern könne man schlimme Taten besonders, indem Kinder „gar nicht erst auffällig werden müssen, weil sie alleine und überfordert sind“.

Das Schulsystem ist nicht vorbereitet

Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die Opfer von Mobbing werden, ist Unterstützung von Erwachsenen extrem wichtig. „Ohne Unterstützung kann Mobbing schwerwiegende Folgen haben“, betont Marica Münch, Bildungsreferentin und Expertin für Mobbing beim Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg. „Ehemalige Opfer können zu Täter:innen werden, um sich selbst zu schützen.“ In der Verzweiflung greifen Kinder zum Messer - oder zu einer anderen Waffe. Auch viele Amokläufe basierten auf Mobbingerfahrungen der Täterinnen und Täter, so Münch.

Laut einer Pisa-Studie sind 21 Prozent der 15-Jährigen von Mobbing betroffen. Und trotzdem werden diese damit oft allein gelassen, vor allem vom Schulsystem, sagt Münch. Mobbing-Intervention und -Prävention ist nicht Teil der Ausbildung von Lehrkräften, die Schulsozialarbeit ist nicht darauf vorbereitet. „Und das prangere ich ganz klar an. Das muss ein obligatorisches Element in der Ausbildung sein“, sagt Münch. Es müsse klar sein, dass jede Lehrkraft in ihrem Berufsalltag damit konfrontiert sein wird.

Das sei besonders wichtig, da Eltern kein Teil des Schulsystems sind und nur schwer eingreifen können. „Das ist ein schulisches Problem und muss dort gelöst werden.“ Trotzdem gebe es Möglichkeiten, das eigene Kind zu schützen. Denn ein großer Risikofaktor für Mobbing sei ein schwaches Selbstbewusstsein. Münch rät Eltern daher, das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken, Freundschaften zu fördern und dem Kind eine andere Lebenswelt als die Schule, wie Sportvereine, Musikgruppen oder andere Hobbys, zu schaffen.

Zur Problematik dazu kommt für Münch noch, dass Mobbing in Deutschland kein Straftatbestand ist. „Ich gehe davon aus, dass die Gesellschaft die Thematik ernster nehmen würde, wenn es Verurteilungen geben würde“, sagt Münch.

„Auch diese Kinder sollten wieder eine Chance bekommen“

Auch eine weitere Forderung im juristischen Bereich steht immer wieder im Raum: Das Alter, in dem Kinder strafrechtlich verfolgt werden können, herunterzusetzen. Dagegen wehrt sich Kinderpsychologin Yonca Izat heftig. Nur weil Kinder heutzutage mit mehr Sachen konfrontiert sind, heiße das nicht, dass sie auch früher ins Gefängnis sollten. Sie seien deswegen nicht reifer, betont sie.

Auch mit den Täter-Kindern müsse man sich beschäftigen und könne sie nicht einfach einsperren. Auch diese Kinder sollten wieder eine Chance bekommen. „Der größte Anteil der Menschen sind einfach normale, sozial-aktive Wesen, die sich wünschen, gut in der Gesellschaft zurechtzukommen, dazuzugehören. Die Frage ist, warum kommen diese Menschen da nicht an?“ Deswegen sei eine Kinder- und Jugendpsychiatrie erstmal der beste Ort, um die Kinder aus dem Milieu rauszunehmen und zu schauen, welche Faktoren dazu geführt haben, dass die Kinder in die Situation gekommen sind. Schließlich seien sie bei den Taten gewöhnlich in einem psychischen Ausnahmezustand.

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