Das Porträt einer Zerreißprobe

15.02.2012, 07:40 Uhr
Das Porträt einer Zerreißprobe

Erst wenn feststeht, dass es von München nach Nürnberg gefahren werden kann, soll die grundsätzliche Frage gestellt werden: Gibt der dreiköpfige Vorstand der Wittelsbacher Stiftung seine Zustimmung für die Ausleihe des Gemäldes an das Germanische Nationalmuseum oder nicht, weil es zu den 113 Kunstgegenständen gehört, die von den Münchner Pinakotheken nicht verliehen werden dürfen? Die NZ hat im folgenden die grundsätzlichen Fragen zu dem Vorgang zusammengestellt, denn es geht nicht nur um ein Gemälde, sondern auch um Geschichte und um Macht.

Die Ausgangslage: Im Katalog der Gemäldesammlungen für die Münchner Pinakotheken heißt es noch 1998 über das Selbstbildnis von Dürer: „Entgegen anderen Aussagen ist das Gemälde insgesamt gut erhalten, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass bei den verschiedenen, durch Restaurierungsberichten belegten Regenerierungsversuchen dunkle und lasierte Bereiche oberflächlich gelitten haben.“ Die Verletzungen des Bildes im Laufe der Geschichte sind offenbar doch nicht zu groß wie suggeriert wurde.

Der Gesichtsverlust: Schnell waren die Wittelsbacher Stiftungen sowie die Gemäldesammlungen München mit ihrem Nein – beinah reflexartig wiesen sie die fränkischen Begehrlichkeiten ab. Seither verhärten sich die Fronten. Die Diskussion über das Selbstporträt ist längst vergiftet. Unter anderem durch die Behauptung der Münchner Gemäldesammlungen, das Bild sei 1971 schon einmal an Nürnberg ausgeliehen worden – und anschließend beschädigt zurückgegeben worden. Es erscheint zum einen grotesk, dass solch schwerwiegende Vorwürfe erst nach 41Jahren laut werden. Zum anderen ist es geradezu unverzeihlich, diese Anschuldigungen öffentlich zu äußern – denn sie sind durch keinerlei Akten im Germanischen Nationalmuseum belegbar. Nun den Großmut herauszukehren und das Bild doch noch herauszurücken, käme unter diesen Vorzeichen einem Gesichtsverlust gleich.

Der Zeitfaktor: Fachleute sollen jetzt noch einmal das Werk Dürers auf die Transportfähigkeit untersuchen. Es ist völlig unklar, wie lange das dauern wird. Ein Umstand, der einer Verzögerungstaktik Vorschub leisten könnte, denn schon jetzt ist es fast zu spät, Vorbereitungen für eine mögliche Ausleihe zu treffen, schließlich beginnt die Schau am 23. Mai. Doch sollten heute im Landtag noch keine Erkenntnisse zur Transportmöglichkeit vorliegen, kämen die Abgeordneten um eine Entscheidung herum – und somit auch um die damit verbundene Schelte des einen wie anderen Lagers.

Der Präzedenzfall: Schon einmal hat es einen ähnlichen Streit gegeben. 1952 und 1953 hatte der SPD-Landtagsabgeordnete Ludwig Ritter von Rudolph den Landtag mobilisiert. Ziel war es, Dürers „Vier Apostel“, die ebenfalls in der Alten Pinakothek in München hängen, zurück nach Nürnberg zu holen – und zwar für immer. Ritter von Rudolph scheiterte im Landtag.

Der Grund: Man wollte keinen Präzedenzfall schaffen. Denn wenn die Landeshauptstadt ein Kunstwerk zurück geben muss, könnte das auch in anderen Städten Begehrlichkeiten wecken. Diese Entscheidung kann jedoch auch heute noch als streitbar betrachtet werden, schließlich hatte Dürer die „Vier Apostel“ der Stadt Nürnberg vermacht, mit der Auflage, dass das zweiteilig Werk niemals in fremde Hände gegeben werden dürfe. Gerade mit Blick auf diese Umstände wäre es eine schöne Geste, wenn die Gemäldesammlungen in München Dürers „Selbstportrait im Pelzrock“ für die Ausstellung von Mai bis September ausleihen würden.

Eine Frage der Perspektive: Erich Steingräber war in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Leiter des Germanischen Nationalmuseums und war überzeugt, dass die Münchner viel zu restriktiv mit der Ausleihe von Gemälden gegenüber Nürnberg verfahren. Als er dann in den siebziger und achtziger Jahren Chef der Staatsgemäldesammlungen in München war, verhielt er sich selbst sehr ablehnend. Nürnberg ist von München offenbar weit weg.

Ein Kompromiss-Vorschlag: NZ-Leser Wolfgang Künzel regt an, dass die Besucher der Dürer-Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum kostenlosen Eintritt für die Alte Pinakothek bekommen, wenn das Selbstbildnis nicht doch noch nach Nürnberg ausgeliehen wird.

 

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