Erleuchtet durch die Kokosnuss

19.01.2010, 00:00 Uhr
Erleuchtet durch die Kokosnuss

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Dieter Klein wird neugierig. Jahrelang klappert der pensionierte Grundschullehrer Auktionen ab, schreibt Briefe an Professoren, reist auf den Bismarck-Archipel – immer in der Hoffnung auf neue Post von August Engelhardt. Nach und nach trägt er die Geschichte des Mannes zusammen, den Hermann Hiery, Spezialist für deutsche Kolonialgeschichte an der Universität Bayreuth, später als den «ersten deutschen Hippie» bezeichnen wird.

August Engelhardt wird 1877 in Nürnberg geboren. Es ist die Zeit der Industrialisierung, aber der Apothekerslehrling rebelliert. Er schließt sich einem Vegetarier-Verein an, interessiert sich für Heilfasten und Rohkost. «Von heute gesehen, war er damit seiner Zeit voraus», urteilt Sven Mönter, Historiker der Universität von Auckland in Neuseeland, der vor kurzem seine Abschlussarbeit über Engelhardt veröffentlichte.

Sonnenorden findet erstaunlich viele Anhänger

Schließlich begeistert sich der Nürnberger für eine neue Philosophie aus den USA, den sogenannten Kokovorismus. Dessen Konzept: Wer sich ausschließlich von Kokosnuss ernährt, der wird Erleuchtung finden. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Schriftsteller August Bethmann, schreibt Engelhardt ein Buch über den Kokovorismus: das «Neue Evangelium». Es wird fünf Mal aufgelegt werden. «Der Kokovore empfängt alles direkt aus den Händen seines Gottes, der gutherzigen Sonne», schreiben Engelhardt und Bethmann.

1902 macht Engelhardt Ernst. An Bord eines Reichspostdampfers fährt der 24-Jährige in das heutige Papua-Neuguinea, damals teilweise deutsche Kolonie. Dort kauft er die kleine Insel Kabakon nahe dem Bismarckarchipel. Hier soll seine Kokovorismus-Kolonie entstehen, der sogenannte Sonnenorden. Per Brief lockt er dafür Anhänger aus dem fernen Europa auf seine Insel: «Kommt Freunde! Erlöst den Einsamen vom Schreiben durch Eurer Zungen trauten Ton!» Und er hat Erfolg. Etwa 30 Menschen folgen Engelhardt innerhalb der nächsten zehn Jahre. Sie alle wollen den Traum der Südsee-Kommune leben: Nacktheit und freie Liebe, essen, was auf den Bäumen wächst, und philosophieren im Schatten der Palmen.

Die Idylle trügt. Malaria und Mangelernährung machen den Deutschen bald schwer zu schaffen – auch wenn die strenge Kokosdiät nicht immer eingehalten wird. Innerhalb weniger Jahre sterben fünf Jünger des Sonnenordens, andere schaffen es gerade noch ins Krankenhaus auf dem Festland. Dazu kommen Eifersüchteleien. «Die Gruppe ist auch aufgrund der polygamen Struktur auseinandergefallen», sagt der Bayreuther Forscher Hiery. «Unter den ungeklärten Todesfällen war mindestens ein Mord.»

Engelhardt selbst stirbt im Mai 1919, entkräftet und ausgezehrt. Die letzten Jahre hat der Franke alleine auf seiner Insel verbracht. Der Nachwelt hinterlässt er sein «Kokosevangelium», das heute laut dem Experten Dieter Klein tief im Archiv des Germanischen Nationalmuseums vergraben liegt und in dem er seine wichtigsten Thesen zusammenfasst. «Die Kokospalme ist das pflanzliche Ebenbild Gottes», heißt es dort, und nach Engelhardt folgt daraus: «Der Kokovorismus ist der Weg zur vollen Erlösung von Schmerz, Leid und Tod.» Christina Horsten/dpa

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