Wer Buntstifte hat, braucht keinen Computer

29.07.2008, 00:00 Uhr
Wer Buntstifte hat, braucht keinen Computer

© Joswig

«Weiß auf Weiß»

Zusammen mit den Abschlussarbeiten von 32 weiteren Diplomanden - 20 Frauen, 12 Männern - ist dieser Beitrag nur noch heute in der Ausstellung «Weiß auf Weiß» des Fachbereichs Gestaltung zu sehen. So unterschiedlich die Disziplinen sind, so vielfältig fallen die Ergebnisse aus. Von Animationsfilmen über Musikvideos und Werbekampagnen bis zu Internetauftritten ist alles dabei. «In diesem Jahr stehen erneut Illustrationen im Mittelpunkt», berichtet Burkard Vetter, Professor für zeichnerisches Entwerfen. «Man spürt bei den Diplomanden, dass sie sich dieser Richtung wieder verstärkt zuwenden.»

So hat Tatjana Philipp das Konzept für ein fiktives Tanztheater entworfen. «Ich habe eine Art Erlebnisgastronomie konzipiert, mit Musik-CD, deren Cover passend zum jeweiligen Mottoabend (Tango, Paso Doble, Walzer, Rumba oder Jive) auch noch erste Tanzschritte erklärt», erläutert die frisch diplomierte Kommunikationsdesignerin.

Geschäftstüchtig zeigen sich andere Diplomanden wie Katja Brendel im Falle eines real existierenden Gutshofs mit Pferdepension, Biergarten und Zimmervermietung in der Oberpfalz. Tierlieb, wenn es um den Re- launch des Straubinger Tiergartens von Julia Schwahn geht. Märchenhaft bei Maria Vynnitska und ihrer ukrainischen Märchensammlung und musikalisch bei Anna Wildner, die sich mit der Gothic-Szene in Form einer CD samt Songtexten und Illustrationen beschäftigt hat.

Dass in diesem Jahr deutlich weniger Absolventen mit ihren Arbeiten vertreten sind, liegt nach Meinung von «Design-Guide» Stefanie Weigel, die Besuchern die Schau auf Wunsch auch persönlich erklärt, an der Einführung der Studiengebühren. Mangelndes Engagement kann man den «Verbliebenen» aber deshalb nicht unterstellen. Bestes Beispiel: Sonja Danowski und ihr Buch «Nebelnudeln».

Diese künstlerische Leistung, bestehend aus 289 (!) Bildern, wurde von Alexandra Kardinar, der Professorin für Illustration, ausdrücklich gelobt. Bis zu zehn Arbeitsstunden saß die Diplomdesignerin an jedem einzelnen Bild. Dass sie, anders als die meisten ihrer Mitstreiter noch mit der Hand zeichnet und aquarelliert und nicht auf einem elektronischem Zeichenbrett, spricht aus jeder ihrer liebevoll gestalteten Szenen. «Das kriegt alles einen völlig anderen Charakter», weiß sie. «Der Bleistift-Hintergrund mit dem leichten Grafit-Schimmer, diese Struktur bekommt man auf dem PC nicht hin.»

Auch ihre Sprache war Alexandra Kardinar eine besondere Erwähnung wert: «Sie ist klassisch und wirkt vielleicht anachronistisch, erweist sich letztlich aber als Weg zu etwas Neuem, das als souverän, überzeugend und zugleich leichtfüßig, poetisch und frei schwebend empfunden wird.» Sie ist überzeugt: «Das Buch von Frau Danowski schlägt eine Brücke zwischen den Zeiten, weil die Autorin nicht versucht, der Konjunktur zu folgen.»

Graffiti für den Frieden

Aber auch andere Studenten haben sich mit Herzblut engagiert: Julian Vogel, der mit seiner Arbeit «World Peace Walls» (www.worldpeacewalls.com) geradezu ein Lebensprojekt geschaffen hat, indem er - stets mit offizieller Genehmigung. versteht sich - großformatige Friedensbotschaften im Graffiti-Stil an Mauern in Indien, Peru, Jamaika, Uganda, im Irak oder auch in Gostenhof gesprayt hat. «Mittels dieser Projekte will ich vor allem Kindern die Möglichkeit geben, durch Kreativität von ihrem ganzen Elend wegzukommen, auch von der Gewalt», so der Kommunikationsdesigner.

Weniger humanistisch, dafür um so menschlicher fällt die Buchgestaltung «Fette Henne» von Martin Thiemann aus. Dafür hat der 24-Jährige Kurioses und Wissenswertes zum Thema «Wie die Deutschen wirklich ticken» erstellt. Der Hintergrund zur Entstehungsgeschichte ist pragmatisch: «Ich habe nach einer möglichst großen deutschsprachigen Zielgruppe gesucht, weil ich meine Hauptenergie in die Gestaltung legen wollte. Deshalb also dieses Buch über die Deutschen.»

Alles so schön bunt hier

Weniger realistisch, vielmehr bunt phantastisch geht es bei Michael Richter zu. Seine recht raumfordernden digitalen und analogen Illustrationen zum Kinderbuchklassiker «Alice im Wunderland» («Schon als Kind mein Lieblingsbuch!») hat er ganz im Hollywood-Stil der dreißiger und vierziger Jahre illustriert. Dass er damit den Fußstapfen ganz großer Künstler wie Salvador Dali oder Ralph Steadman folgt, schreckt den Kommunikationsdesigner wenig. Für seine Fotografien hat er Figuren aus Modelliermasse geschaffen, die mit Gouache-Farben angemalt sind. Damit ist er auch der einzige Student, der mit Skulpturen präsent ist.

Auch die Sparte «Film» hat einiges zu bieten: ein märchenhaft anmutendes Musikvideo von Daniela Reuß, ein minimalistisch gefilmtes mit der Band «Mio Myo» von Dirk Soldner, einen aufwendig gemachten Filmtrailer in martialischer Comicmanier von Andreas Alesik und einen Kurzfilm von Duc Minh Tran, der von seinen exotischen Einstellungen lebt.

Anders als im vergangenen Jahr sind Computer- und interaktive Spiele selten vertreten: etwa «Hausgenossen» von Tanja Arnold - eine Hausgemeinschaft löst ihre Konflikte mittels Mausklicks auf mehreren Ebenen - oder der interaktive «Wildwechsel» von Andreas Kuhn, bei dem der Nutzer entscheidet, welchen Ausgang die sorgfältig gezeichnete Geschichte um einen Fuchs mit menschlichen Eigenschaften nimmt. Und bei Jan Wilbergs temporeichem «Airport Rush» kämpft der jeweilige Spieler mit den Widrigkeiten eines Flughafens (schlechte Beschilderung, fremde Sprachen, zeitraubende Kontrollen). Im Gegensatz zum «Runningfoodplan» von Andreas Wünsche, dessen PC-gesteuertes Trainings- und Ernährungsprogramm Läufern Erfolg verspricht.

Aufstand im Altenheim

Dass sich die Sparte «Buch» hinter virtuellen Welten nicht verstecken muss, beweisen Werke wie Brigitte Pandels illustrative und typografische Gestaltung eines Kinderromans. In «Nicht mit uns, Frau Schnabelfink» karikiert sie schlechte Bedingungen in Altenheimen, indem sie Rentner den Aufstand proben lässt (Leider nur Fiktion!). Ausgesprochen menschen- beziehungsweise kommilitonenfreundlich sind dagegen die wirklich praktischen typografischen Handbücher von Simone Dahms und Uta Holtappel: «Das Problem ist, dass es schon eine riesige Auswahl gibt, die für Studenten aber nur selten erschwinglich sind.»

Frauenpower an ganz anderer Front gewinnt Gestalt in Kampagnen, die sich geballt gegen die Auswüchse des Körperkults richten. So nimmt sich Andrea Nusser des Themas mit einer provozierend fotografierten, großflächigen Fotostrecke an, indem sie weibliche «Problemzonen» visuell zur Diskussion stellt.

Schönheit und Schokolade

Simone Kummer dagegen illustriert das Schönheitsideal kritisch in einem Bilderbuch für Erwachsene. Sind üppige Rundungen erst einmal manifest geworden, kann man sich getrost der fiktiven Markteinführung einer japanischen Schokolade von Jutta Kraus überlassen: Immerhin wären die Schokostängel laktosefrei.

Und wer einmal das so genannte Topmodel Heidi Klum als wenig vorteilhaft gezeichnete Muse sehen möchte, der wird bei Andreas Fisser fündig: Seine «Sieben Todsünden» setzen sich auf genau so vielen großformatigen Plakaten in gekonnter Comic-Manier mit Wirkung und Darstellungsweise der Werbung auseinander. Es ist eine zeichnerische Abrechnung mit den Verfehlungen der Branche mittels biblischer Botschaften, in denen Heidi Klum, obwohl so schlank, für Völlerei steht (McDonald´s) und Oliver Pocher für Habgier (Saturn: Geiz ist geil).

Letzter Ausstellungstag: heute von 9 bis 18 Uhr. Georg-Simon-Ohm-Hochschule, Fakultät Design, Wassertorstraße 10. Für Nachzügler im Internet unter www.designdiplom2008.de

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