"Romeo und Julia"- Schüler inszenieren ein Musical

25.10.2010, 09:22 Uhr

© Krieger

Wie viel Herzblut in dieser Inszenierung steckt, zeigte sich den Gästen schon im Foyer der Stadthalle, wo als Diashow Fotos von den Proben zu „Romeo und Julia“ ablaufen. Choreographie, Tanz, Text und Gesang, all das haben sich die Schüler gemeinsam mit professionellen Coaches über Monate hinweg erarbeitet.

Ein Riesenprojekt, das nach dem sehr erfolgreichen Musical „Footloose“ vor zwei Jahren einem hohen Anspruch gerecht werden will, nämlich eine literarische Vorlage in ein Schul-Musical zu verwandeln, das den jungen Mitwirkenden wie dem Publikum eine Identifikationsbasis bietet und zum Nachdenken anregt. Dank der Begeisterung der Schüler und der Musik gelingt das fast durchgängig:

Die Story: Die Geschichte der beiden wohl berühmtesten Liebenden der Welt hat Regisseur Harald Bierlein-Neußinger ins Heute und Jetzt transferiert, es ist die Liebe zwischen einem jungen Deutschen und einer jungen Türkin, sie könnte auch an der Röthenbacher Schule spielen. Doch anders als bei Shakespeare liefert sie in der Schulinszenierung lediglich den Rahmen für eine Auseinandersetzung zwischen zwei (Jugend) -Kulturen, die scheinbar nichts miteinander gemeinsam haben.

Doch schon der Beginn, als sich die Jugendlichen dem Publikum vorstellen, macht deutlich: ihre Wünsche und Träume sind die gleichen, ob sie nun Ayse, Jan, Albert oder Serafina heißen, aus dem Kosovo, der Türkei oder Deutschland stammen. Und trotzdem trennt sie vieles: Der famose Vorurteile-Rap, an dem die Schüler mitgeschrieben haben und den sie richtig fetzig auf die Bühne bringen, greift die Vorbehalte der Cliquen schonungslos auf: Deutsche sind Kartoffelfresser und Nazis, Türken Prolos und Kriminelle. Das gut gemeinte Fest der Kulturen, obwohl aufwendig inszeniert, liefert keine Annäherung, sondern bleibt bloße Multi-Kulti-Kulisse. Der Konflikt eskaliert und das Drama nimmt seinen Lauf.

Echte Talente für Gesang und Tanz

Das Bühnenbild: Mediale Schlaglichter, allseits präsente Werbung und virtuelle Helden bestimmen das Leben der Jugendlichen, egal ob türkisch oder deutsch. Und genau das spiegeln die Einblendungen wieder, die im Hintergrund als Diashow ablaufen, während sich vorne die Bühne immer wieder verwandelt: mit einfachsten Mitteln wie einem Baugerüst, Licht und Farben zaubern die Macher Dichte und Atmosphäre.

Die Tanzszenen: Hier haben die Choreographen ganze Arbeit geleistet: obwohl in manchen Szenen mehr als 50 Schüler gleichzeitig auf der Bühne singen, tanzen und rappen, bleibt die Dynamik stets erhalten. Furios sind die Begegnungen zwischen den verfeindeten Capulets und Montagues und das Aufeinandertreffen der verschiedenen Ensembles beim Fest der Kulturen.

Der Gesang: Echte Talente hat die Schule da, so etwa Katharina Reißer, die mit ihrem selbst geschriebenen Song „I´m here for you“, das Publikum verzaubert, oder Nadine Sirl, die mit Röhrenstimme „I wish I was a punkrocker“ von Janis Joplin intoniert. Oder Alexandra Hacker, die nicht nur als Sängerin, sondern auch als Romeos große Schwester Sybille eine der zentralen Figuren des Abends ist und mit ihrer Stimme absolut überzeugt. Und natürlich der Chor…

Die Musik: Einen echten Ohrwurm liefert das derzeit in Wien laufende Musical „Romeo und Julia“: Bei „Viva Verona, willkommen in der Stadt“, wippt und grouvt der ganze Saal mit, das Stück hat nicht nur einen intelligenten Text, sondern auch einen richtigen guten Sound. Ansonsten wildern die Macher kreuz und quer, immer angepasst auch an den Geschmack der Jugendlichen: Jungle Drum, Brick in the wall, Tears in Heaven sind nur einige der bekannten Songs, die dem Musical Charme und Dynamik verleihen.

Aufruf zu mehr Toleranz und Zusammenhalt

Die Dialoge: Musical hin oder her: Es könnten ruhig ein paar Sprechszenen mehr sein, vor allem im ersten Akt. Dort reihen sich nach dem starken Auftakt mit Shakespeares Prolog, Vorurteile-Rap und dem Treffen der Sozialarbeiterinnen die Musik- und Tanzeinlagen nur so aneinander, als Erklärung für die Entwicklung der Story und die Frage, wie Vorurteile zustande kommen, reicht das nicht aus, auch wenn es schön anzuhören und anzusehen ist und das Bemühen, alle mit einzubinden, nur allzu verständlich ist. Doch elf Lieder und Tanzeinlagen am Stück machen eben noch keine Dramaturgie aus, die Begegnung von Romeo und Julia (Esra Yasar und Florian Klimanek) am Ende des ersten Aktes kommt da richtig unvermittelt, man hat sie vorher (leider) kaum wahrgenommen. Stark sind dafür im zweiten Akt die Dialoge, in denen die Schüler sprachlich sie selbst sein können, das schafft Authentizität und Nähe und verrät viel über die Jugendkultur.

Der Schluss: Das Ende wird nicht verraten, doch es gibt eine (gemeinsame) Erkenntnis beider Lager, dass nämlich jeder dazu beitragen kann, dass die Zukunft besser wird, indem man mehr miteinander redet. Den Weg dorthin allerdings zeigt das Musical nicht auf. Ein Ende, das genau das thematisiert und Lösungswege aufzeigt, wäre vielleicht gar nicht so schlecht gewesen.

Das Fazit: Vorurteile gegen andere Kulturen auszuräumen und die Jugendlichen stark und selbstbewusst zu machen fürs Leben, das war und ist eine der Hauptintentionen der Macher der zweiten großen Musicalproduktion an der Röthenbacher Schule. Mit „Romeo und Julia“ ist ihnen das gelungen: Mehr als ein Jahr lang haben die Schüler zusammen geprobt und gelernt, am Ende stehen sie als großes Team auf der Bühne und genießen den wohlverdienten Applaus des Publikums, das von der Leistung der jungen Musical-Stars begeistert ist.