Wolfsexperte: "Die Stimmung wurde unnötig aufgeheizt"

07.11.2017, 12:04 Uhr
Begegnet man einem Wolf in freier Wildbahn, rät Wotschikowsky, den Moment zu genießen. Denn der Wolf werde früher oder später das Weite suchen.

© RAYMOND ROIG/AFP Begegnet man einem Wolf in freier Wildbahn, rät Wotschikowsky, den Moment zu genießen. Denn der Wolf werde früher oder später das Weite suchen.

Sie wollen mit dem Mythos Wolf aufräumen: Wie böse ist er denn nun, der böse Wolf?

Ulrich Wotschikowsky: Der Wolf ist nicht böse. Er ist ein Wildtier wie alle anderen Wildtiere auch. Ein Problem mit ihm haben die Schafhalter, weil sie 200 Jahre daran gewöhnt waren, ihre Tiere frei laufen zu lassen, weil es keinen großen Beutegreifer gab. Und jetzt kehrt der Wolf mit großem Tempo zurück. Dadurch entsteht ein Haufen Probleme logistischer, finanzieller und emotionaler Art.

"Politiker spielen sehr unrühmliche Rolle" 

Diesen Herbst brannten in Franken Mahnfeuer der Weidehalter, Mitte September protestierten Almbauern unter dem Slogan "Weidetiere statt Wolfsreviere" in München: Hängt dieser Protest mit dem Ausbruch im Bayerischen Wald zusammen oder wie erklären Sie sich, dass das Thema gerade derart hochkocht?

Wotschikowsky: Das hat mit dem Vorfall im Bayerischen Wald nichts zu tun. Die Mahnfeuer haben ihren Ursprung in Brandenburg, weil die Landesregierung ihre sogenannte Wolfsverordnung in den Graben gesetzt hat und es versäumt hat, ihren Managementplan zu überarbeiten. Dadurch fühlten sich die Nutztierhalter nicht richtig verstanden und haben im Sommer mit diesen Mahnfeuern begonnen. Dass sich Tierhalter in anderen Bundesländern angeschlossen haben, dabei spielen einige Politiker eine sehr unrühmliche Rolle. Sie haben die Stimmung unnötig angeheizt.

Wolfsexperte:

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Sie spielen wohl auf Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt an, der Wolfsabschüsse zur Bestandsregulierung gefordert hatte?

Wotschikowsky: Ihn meine ich ganz besonders. Der Wolf gehört ja nicht mal in sein Ressort, sondern in das Ressort des Umweltministeriums. Ich denke, er hätte in seinem eigenen Ministerium genug zu tun. Aber wenn er sich schon äußert, dann sollte er doch begründen, warum er Abschüsse fordert. Wir haben bisher nur in einem sehr kleinen Teil der Bundesrepublik Wölfe und daher keinen Grund, ihren Bestand zu regulieren. Erstens argumentiert Herr Schmidt hier ohne jegliche rechtliche Grundlage, da der Wolf durch die EU streng geschützt ist.

Und zweitens hat er keine fachlichen Argumente. Welches Problem möchte er denn mit einem Abschuss lösen? Ob nun zehn oder 30 Wölfe in einem Gebiet leben – sie werden Weidetiere jagen, wenn diese nicht geschützt werden. Wenn das Totschießen ein Problem löst, stimme ich sofort für das Bejagen. Aber alles andere ist gedankenlos. Ansonsten könnte man ja auch alle Wölfe totschießen und den Zustand von vor 20 Jahren wiederherstellen.

Bis zu 4 000 Wölfe ökologisch in Deutschland denkbar

Wann wäre denn eine Obergrenze erreicht? Wie viele Wölfe verträgt Deutschland? 

Wotschikowsky: Einem Modell zur Folge könnten in Deutschland 440 Rudel leben, das entspricht etwa 4 000 Wölfen. Sesshaft werden könnten sie auf etwa einem Viertel der Fläche unseres Landes, der Rest ist nicht geeignet. Das ist jetzt keine Vorgabe von irgendjemandem, sondern eine Analyse aus der Sicht der Wölfe. 4 000 Wölfe wären ökologisch denkbar. Ob es zu dieser Ausbreitung kommt, steht natürlich in den Sternen.

Der Wolf kennt in Europa keine natürlichen Feinde. Droht demnach eine massenhafte Vermehrung?

Wotschikowsky: Der Wolf ist ein sogenannter Spitzenprädator, hat also keine natürlichen Feinde. Obwohl das Nahrungsangebot bei uns sehr hoch ist, vermehrt er sich nicht stetig weiter. Zum einen wird die Sterblichkeit durch Verkehrsunfälle, Krankheiten und Parasiten ansteigen, zum anderen reguliert sich die Population selbst. Die meisten Wölfe sterben dadurch, dass sie durch andere Wölfe totgebissen werden. Dehnt ein Rudel sein Revier in das Gebiet eines anderen Rudels aus, kommt es zu schweren Auseinandersetzungen. In den 2000er Jahren wurde in Sachsen bereits eine totgebissene Wölfin gefunden und in Norddeutschland entwickeln sich gerade erste Spannungen.

Nach dem Ausbruch von sechs Wölfen aus einem Gehege des Nationalparks Bayerischer Wald wurden zwei Tiere bereits erschossen, weil sie nicht gefangen oder betäubt werden konnten. Die richtige Entscheidung?

Wotschikowsky: Die Nationalparkverwaltung hat sich hier vollkommen richtig verhalten. Wenn die Tiere lebendig nicht einzufangen sind, dann müssen sie totgeschossen werden. Auch wenn die beiden noch frei herumlaufenden Tiere wohl keine Gefahr für den Menschen darstellen, sind keine Wölfe in der Natur zu dulden, die in einem Gehege aufgewachsen sind. Gemäß der Prämisse: Wehret den Anfängen! Die Tiere haben das Jagen nämlich nie erlernt und so kann es passieren, dass sie aus Bequemlichkeit die Nähe zu Dörfern suchen, den Müll plündern und plötzlich den Menschen als Nahrungsspender sehen. Und dann kann es zu gefährlichen Situationen kommen.

"Rühren Sie sich nicht und genießen Sie den Moment"

Wie verhalte ich mich denn richtig, wenn ich einem Wolf begegne? Wotschikowsky: Sie werden ihm wohl kein Wurstbrot hinwerfen. Und selbst dann läuft er wahrscheinlich einfach davon. Rühren Sie sich einfach nicht von der Stelle, freuen Sie sich und genießen Sie den Moment. Sollte Sie der Wolf dann doch mit gesenktem Kopf anblicken und langsam auf Sie zukommen, dann rufen Sie oder stampfen Sie laut auf und er wird das Weite suchen.

Oft werden Wolf und Wildschwein verglichen – wer ist für den Menschen denn nun gefährlicher?

Wotschikowsky: Weder Wildschwein noch Wolf sind gefährlich. Wenn ein Jäger ein Wildschwein anschießt und ihm nachläuft, dann kann es gefährlich werden. Aber selbst eine Sau wird mit ihren Frischlingen vor einem Menschen fliehen – außer man versucht, ein Junges zu fangen. Und was den Wolf angeht: In ganz Europa leben inzwischen 12 000 Tiere und passiert ist in den vergangenen 60 Jahren überhaupt nichts.

Ist das Nürnberger Land denn eine Region, in der Wölfe heimisch werden könnten?

Wotschikowsky: Der Wolf ist sehr anpassungsfähig. Es gibt bereits Wölfe auf den beiden Truppenübungsplätzen Grafenwöhr und Hohenfels und auch dazwischen im Veldensteiner Forst – eine Gegend voller natürlicher Beute. Das Rotwild hat den Wald hier ganz schön zerfressen. Da ist es gut, wenn der Wolf den Jägern ein bisschen unter die Arme greift.

Welche Konflikte drohen in der Region?

Wotschikowsky: Das größte Konfliktpotenzial besteht auch hier zwischen Wolf und Weidetierhaltern. Schafe sind für einen Wolf einfach eine gemähte Wiese. Durch ihre Domestikation haben sie ihren Fluchtreflex verloren und sind eine leichte, schmackhafte Beute. Wir müssen zusehen, dass wir die Weidetiere effektiv schützen. Da müssen alle zusammenhelfen und es müssen die nötigen Gelder bereitgestellt werden. Bis jetzt wird für Wildgans und Biber weitaus mehr Geld ausgegeben als für den Schutz von Weidetieren. Übergriffe von Wölfen wird es aber trotz aller Vorkehrungen immer geben. Wir müssen eine gewisse Toleranz üben und bedenken, dass wir eines der reichsten Länder der Erde sind. Was sollen denn Kenia oder Indien sagen, die Löwen und Tiger zu schützen und ihre Bevölkerung zu ernähren haben?

Und wie steht es um die Gunst der Jäger?

Wotschikowsky: Bei den Jägern gehe ich inzwischen von einem hohen Prozentsatz aus, der sich zwar nicht aktiv zu Wort meldet, aber der Rückkehr des Wolfs doch relativ gelassen entgegensieht. Auch wenn der Wolf an den Grundfesten des gesamten Jagdsystems rüttelt und Absurditäten in Frage stellt, etwa die Wildfütterung im Winter oder extrem lange Jagdzeiten.

In der Ankündigung Ihres Vortrags war zu lesen, dass Wölfe äußerst wichtig für unser Ökosystem sind. Warum ist das so?

Wotschikowsky: Darauf will ich gar nicht so genau eingehen, denn ich möchte mein Publikum nicht gleich überfordern. Brauchen wir den Wolf nun oder nicht? Eine anmaßende Frage. Darüber haben wir nicht zu befinden, sondern uns darum zu kümmern, dass kein Werk der Schöpfung oder der Evolution ausstirbt. Und wenn ein Tier zurückkehrt, sollten wir froh darüber sein. Denn es braucht auch kein Edelweiß, keinen Enzian und auch keine Sinfonien von Beethoven: Aber ohne sie wäre das Leben öde.

Der studierte Förster Ulrich Wotschikowsky ist selbst aktiver Jäger und arbeitete unter anderem für den Nationalpark Bayerischer Wald und die Wildbiologische Gesellschaft München. Auf Einladung des Feuchter Umweltbeirats referiert der europaweit anerkannte Berater am heutigen Dienstag ab 19.30 Uhr in der Reichswaldhalle.

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