Buchmesse als gut geölte Maschine
16.10.2009, 00:00 Uhr
Zukunft im E-Book?
«Sie müssen das Buch als Wirtschaftsgut und nicht als Kulturgut sehen«, empfiehlt Bernd Letz, Mitarbeiter eines Software-Dienstleisters, unumwunden den Verlegern. Er sitzt für die Vermarktung von E-Book-Techniken auf einem Diskussionspodium und meint, in Deutschland werde ein wichtiger Trend verschlafen. «Es gibt schon 52000 englisch-sprachige Titel zum Download, aber nur 8000 deutsche«, bemängelt er und meint: «Wer jetzt noch keine E-Books produziert, ist schon sehr weit hinten dran.«
In den handlichen Bildschirmen für die Tasche soll die Zukunft des Buchmarktes liegen. «In Zukunft werden vermehrt elektronische Versionen von Büchern gleichzeitig mit Printausgaben erscheinen. Dann wird auch der Markt mit den E-Book-Readern kräftig anziehen«, meint ein Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Elektronisches Publizieren im Börsenverein des Deutschen Buchhandels.
An jeder Ecke kann man unterschiedliche Versionen der Lesegeräte ausprobieren oder an einer «Tankstelle« mit Literatur aufladen. Auch Kinderbücher gibt es schon im Digitalformat, bei den Computerkids hofft man wohl auf schnellere Akzeptanz. Beim «txtr«, einem weiteren Lesegerät, das im Dezember auf den Markt kommen soll, funktioniert das Herunterladen über den Mobilfunk, und auch auf Handys kann man demnächst Literatur empfangen. Wie sich darauf die 765 Seiten von Dan Brown lesen lassen, steht auf einem anderen Blatt - oder Display.
Berührende Herta Müller
Die großen und kleinen Verlage glauben aber offensichtlich noch an das Buch als Kulturgut und in Papierform, die am dichtesten umlagerten Stände sind die mit den großen Namen der Belletristik: Allen voran Hanser natürlich, wo die frisch gebackene Literaturnobelpreisträgerin beinahe schüchtern mit ihrem Verleger Michael Krüger in einer Ecke sitzt, aber immer wieder von Kollegen geherzt wird und strahlend wie ein Schulmädchen die Glückwünsche entgegennimmt.
Zuvor hatte sie bei einer Lesung berührend von ihrer Freundschaft zu Oskar Pastior erzählt. «Ich bin ihm so dankbar«, sagte Müller mit Blick auf Pastiors Erinnerungen, auf denen ihr hochgelobtes Buch «Atemschaukel« basiert.
Bescheidenheit oder große Show
Ähnlich bescheiden und konzentriert auf die Inhalte inmitten all des Messetrubels zeigt sich Kathrin Schmidt, die mit ihrer autobiografisch gefärbten Geschichte einer nach einer Hirnblutung ins Koma gefallenen Autorin den Deutschen Buchpreis 2009 gewonnen hat. Dass sie immer wieder nach der Krankheit und der schwierigen Rekonvaleszenz gefragt wird und weniger nach der Literatur, nimmt sie mit der «mir eigenen Lakonie, die mir auch nach der OP weitergeholfen hat.« So konnte sie auch die Tatsache verkraften, dass ihr, die sich vor allem als Lyrikerin versteht, nach dem Ereignis keine Gedichte mehr gelingen wollten – im nächsten Frühjahr erscheint ihr neuer Lyrikband.
Etwas Lakonie und Selbstironie täte sicher auch Frank Schätzig gut, der mit geföhnter grauer Mähne und flapsigen Sprüchen sein neues Buch mitsamt der folgenden Tour anpreist. «Lesungen mag ich nicht, da schläft doch jeder ein«, meint er und verspricht seinen Fans eine «sensationell unterhaltsame Show«, die übrigens auch in Nürnberg gastiert. Die Wege zur Literatur sind eben vielfältig.
Beinahe großväterlich wirkt da schon der Altmeister der verdeckten Recherche: Günter Wallraff fühlt sich in der Rolle des gefragten Autors nach eigenen Aussagen wenig wohl: «Hier bin ich ein wenig fehl am Platz«, meint er kokett, maskiert als Schwarzer, Fließbandarbeiter oder Obdachloser sei er bei der Undercover-Recherche für sein aktuelles Buch dagegen in seinem Element gewesen. Auch solche Aussagen schmieren die Buchbranchen-Maschinerie.