Kunst, die ins kleine Schwarze trifft
14.07.2010, 00:00 Uhr
Dort im Waldgelände, wo die Bildhauerklasse von Claus Bury ihre Hütte hat, wurde von Marcel Große eine „Windmaschine“ aufgestellt, konkret: ein brachialer Verbrennungsmotor voller Lärm und Gestank. Dieses gänsehauterzeugende Monster von einem Gebläse wiederum bringt aber, man glaubt es kaum, etwas sehr Zartes und Zauberhaftes zustande. So wird eine bunte Schar papierner Windrädchen in Gang gesetzt. Es propellern die Farben. Es weht die Wand.
"Geht doch“, mag man sich also insgeheim denken. Nachdem einem das Denken beim Kunst-Parcours durch 24 Pavillons plus Ausstellungshalle plus Außengelände zuweilen zu vergehen drohte. Weil zum Beispiel die Malerei-Klassen heuer kaum mit Hinguckern aufwarten, oder wenigstens mit dem Mut zur Dreistigkeit.
Daniel Engelberg dagegen ist Bildhauer, ebenfalls Klasse Bury, und der Titel „Geht doch“ passt wie die Faust aufs Auge zu seiner Extrem-Installation, die im harten Kern aus einem Holzscheit im Küchenmixer, einem in der Brotschneidemaschine sowie entsprechend viel Sägespänen besteht. Das geht nicht nur. Das haut rein. Und setzt prächtige Kontraste zu weiteren großen Würfen in dieser Klasse.
Etwa zu dem schauderhaft-schönen „Fountain of Youth“ von Cyrena Dunbar, einem vermeintlichen „Jungbrunnen“, der aus einem Waschbecken voller herausquellender Damenperücken besteht. Auch Daniel Hörl beweist viel Sinn für Humor, dazu handwerkliches Geschick. Er hat einen betretbaren „Guckkasten“, ein Heimkino nachgebaut. Wie aus einer anderen Zeit, deshalb: Aschenbecher inbegriffen.
Während es beim „Konzert“ der selbstgenähten Textilpuppen von Kim Soyou um die existenziellen Fragen einnicken?, abnicken? oder abnippeln? geht. Ständig kippt eine mit dem Schädel nach vorn. Kopflastigkeit kam bei den Künsten schon mal spröder rüber. Das ist jetzt ein Lob!
Was auch den Gold- und Silberschmieden von Ulla Meyer gebürt: große Klasse. Von der speziell auf Spaghettis ausgerichteten Gabel, die Lars Torke entwarf, bis zu geheimnisvoll geformten, muschelartigen Gefäßen von Anne Fischer reicht die poetische Palette. Nicht zu vergessen die Beiträge dieser Klasse zu einem Wettbwerb, in der es um das „Kleine Schwarze“ ging – weit über das Kleidungsstück hinaus.
Um angenehm viel Freiraum bemüht ist die Präsentation in der schwer zu bespielenden Ausstellungshalle. Die Fotoarbeiten von Florian Aschka („Tante Resi“) sowie ein Animationsfilm über ein suizidgefährdet wirkendes Knetgummi-Männchen („Balkonabend“) von Bele Albrecht stechen heraus.
Gesellschaftskritik scheint dezent in der Klasse Eva von Platen auf, wo Elisabeth Zwimpfers Raumarbeit „Tote Fische“ überrascht. Die Außenskulptur „Vulkan“ hingegen, eine Gruppenarbeit aus Bauschrott, dürfte Vorbehalte gegenüber zeitgenössischer Kunst eher nähren statt sie zu zerstören. Wobei dieser „Vulkan“ ziemlich nah am Eingang liegt. Also noch ein Grund mehr ist, den Gaul von hinten aufzuzäumen. Wäre sonst doch schade.