Ein Refugium vor dem Ernst des Lebens
13.07.2015, 21:04 UhrNEUMARKT — Vor 175 Jahren gründete Friedrich Fröbel in Blankenburg den „Allgemeinen Deutschen Kindergarten“. Ein Name war geboren, der sich mittlerweile sogar im Englischen durchgesetzt hat: „kindergarden“. Schüler Fröbels zogen hinaus in die Welt, um den Gedanken zu verbreiten, dass Kinder schon früh unterstützt werden sollten, selbst die Welt zu erfahren und zu begreifen – vor allem über das Spiel.
Denn: „Spielen ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung. Die Spiele dieses Alters sind die Herzblätter des ganzen künftigen Lebens.“ So beschreibt Fröbel seine Grundgedanken, die auch für Mutter Theresia Gerhardinger gelten können. Die Gründerin des Ordens der Schulschwestern hob 1862 in Neumarkt eine „Kinderbewahranstalt“ aus der Taufe, in der auch heute noch die Kleinen betreut werden: den Kindergarten St. Johannes. Er ist nicht nur der älteste Neumarkts, sondern des gesamten Eichstätter Bistums.
Spiel und Musik
Schwester Gunda Reichold leitet den Kindergarten seit zehn Jahren – zum Ende des Monats verlässt sie die Einrichtung (wir berichteten). Sie geht davon aus, dass Mutter Theresia die Arbeit Fröbels kannte und schätzte, anders seien die Parallelen nicht zu erklären. Beide setzten auf den Beginn der Erziehung schon im Kleinkind-Alter, auf Spiel und Musik, außerdem auf gleiche Betreuung für Kinder aller sozialer Schichten. Eine weitere Parallele zu Kindergarten-„Erfinder“ Friedrich Ströbel ist, dass beide längere Zeit in Amerika verbrachten, wo Fröbel noch immer hohe Wertschätzung entgegengebracht wird – während er in Deutschland eher im Schatten von Pädagogik-Pionierin Maria Montessori steht.
In Neumarkt jedenfalls entstand im 19. Jahrhundert ein regelrechtes Erziehungszentrum der Schulschwestern in der Bräugasse: die ebenfalls von Mutter Theresia gegründete Grundschule, der Kindergarten und ein 1873 hinzugekommenes Waisenhaus. Kostenpflichtig wurde der Kindergarten im Sommer 1899. Der erste eingeführte Beitrag belief sich auf monatlich genau eine Reichsmark.
Von Anfang an war der Kindergarten auf zwei Gruppen ausgelegt, damals noch eine für Jungs und eine für Mädchen. In mancherlei Hinsicht erinnert die Gründungszeit der Kindergärten an die Gegenwart: In der Bräugasse gab es früher schon Mittagessen und Betreuung am Nachmittag, auch Kleinkinder unter drei Jahren waren willkommen – wie in einer modernen Kindertagesstätte.
„Kinder bleiben Kinder“
Schwester Gunda fasziniert die 153 Jahre währende Kontinuität der Früherziehung wie auch des Gebäudes in der Bräugasse. Denn dieses wurde zwar im Zweiten Weltkrieg zerstört, dann aber nach alten Plänen wieder errichtet. Die Erzieherin zeigt gerne Bilder von der Zeit vor dem Krieg und vom Wiederaufbau. Es freut sie, dass sich in einer Hinsicht nichts geändert hat: „Kinder bleiben Kinder, sie lieben das gemeinsame Singen und Spielen.“
So hatte es sich Friedrich Fröbel vor 175 Jahren vorgestellt. Dafür steht der Name „Kindergarten“. Ein Refugium für die Kleinen, wo sie gehegt und gepflegt werden können. Dass ihm dieser passende Name eingefallen ist, nannte Fröbel „eine Offenbarung“. Mittlerweile ist sogar sein eigener Name in den Sprachgebrauch eingegangen, „fröbelen“ bedeutet im Niederländischen soviel wie: kreativ beschäftigt sein.
Keine Kommentare
Um selbst einen Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich vorher registrieren.
0/1000 Zeichen