„Jung und talentiert“
Fall sorgt für Entsetzen: Gynäkologie-Student wegen Vergewaltigung verurteilt - aber ohne Strafe
04.04.2025, 17:52 Uhr
Am 8. November 2023 ist ein Medizinstudent, der in den örtlichen Medien V. genannt wird, auf einer Halloween-Party in der belgischen Stadt Löwen. Sein späteres Opfer ist auch dort. In einer bei Studierenden beliebten Bar verliert die junge Frau schließlich das Bewusstsein über ihre Umgebung. Ob sie unter Drogen gesetzt wurde, ist unklar. In diesem Zustand trifft sie V. Er gibt vor, sie zu einem Club zu begleiten, bringt sie aber stattdessen in seine Unterkunft. Dort kommt es zum Geschlechtsverkehr. So berichten es mehrere örtliche Medien.
Es kommt zum Prozess. V. behauptet, seine Mitstudentin habe dem Sex zugestimmt. Laut Gericht war sie dazu aber nicht in der Lage. Der Vorfall wird daher als Vergewaltigung gewertet. Das Gericht befindet ihn für schuldig, er wird verurteilt - aber nicht bestraft.
Denn der Richter hat entschieden, kein Strafmaß zu verhängen. V. erwartet also weder eine Geld- noch eine Freiheitsstrafe. Auch Bewährungsauflagen muss er nicht einhalten, einen Eintrag ins Strafregister gibt es nicht. „Es ist unbestreitbar, dass er die Grenze des Akzeptablen überschritten hat, aber er ist noch jung, hat keine Vorstrafen und ist sowohl beruflich als auch privat ein talentierter und engagierter Mensch“, wird der Richter in belgischen Medien zitiert.
Vergewaltiger darf weiter arbeiten
Das heißt, V. darf sein Medizinstudium ungehindert fortführen. Er befindet sich derzeit in der Facharztausbildung im Bereich Gynäkologie an der Uniklinik Löwen. Eine Strafe hätte die berufliche Zukunft des Mannes stark beeinträchtigt, argumentierte der Richter. Schon durch das Schuldeingeständnis allein werde er zur Verantwortung gezogen. Das Risiko eines Rückfalls sei gering.
Ob er seine Arbeit am Uniklinikum Löwen fortsetzen darf, ist dagegen noch unsicher. „Unsere ersten Gedanken gelten dem Opfer. Gemeinsam mit der KU Leuven informieren wir uns über das Gerichtsurteil und überlegen, wie wir damit umgehen“, sagt Chefarzt Gert Van Assche der niederländischen Zeitung AD. Inzwischen habe man Vorsichtsmaßnahmen getroffen und den betroffenen Arzt vorübergehend vom Dienst im Krankenhaus suspendiert.
Besonders auf Tiktok reagieren hauptsächlich Frauen auf den Fall. „Entschuldigung, was!?“, schreibt eine Userin und nennt den Täter bei seinem vollen Namen. „Scheiß auf ein System, das Vergewaltigern erlaubt, Gynäkologe zu werden“, sagt eine andere. In den meisten Tiktoks schildern die Frauen den Fall und drücken ihre Sprachlosigkeit aus. Hinterlegt werden die Videos meist mit Liedern wie „Silence“ von Peter McPoland und vor allem „labour“ von Paris Paloma. „Wenn der Richter seinen Job nicht macht, dann helfen wir“, schreibt eine weitere und bezieht sich damit auf seine Suspendierung. Sie geht davon aus, dass er nicht wieder als Gynäkologe arbeiten können wird.
In Kommentarspalten äußern Userinnen und User ihre Wut und ihren Unmut, fordern die Absetzung des Richters. Andere greifen den Fall sarkastisch auf. „Auf dem Weg, einen Mann umzubringen, weil ich eine junge und talentierte Kriminologie-Studentin bin“, schreibt eine Userin und betitelt das Video mit „Wenn er straffrei bleiben kann, dann kann ich das auch.“
Gewalt an Frauen geschieht meist im Verborgenen und hat viele Gesichter. Psychische, physische oder sexuelle Gewalt kann jede Frau betreffen. Stalking, Schläge oder Missbrauch sind oft nur ein Teil davon. Wenn auch Sie das Gefühl haben betroffen zu sein, können Sie die kostenlose Nummer des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ wählen. Unter der 08000/116016 haben Sie die Möglichkeit, rund um die Uhr anonym und vertraulich Kontakt zu Beraterinnen aufzunehmen. Die Beratung kann auch über einen Online-Chat oder per E-Mail erfolgen. Das Frauenhaus in Nürnberg erreichen Sie ebenfalls 24 Stunden am Tag unter der 0911/333915, das Frauenhaus in Fürth rund um die Uhr unter 0911/729008. Von Gewalt betroffene Männer können sich beim „Hilfetelefon Gewalt an Männern“ unter der 0800/1239900 ebenfalls Unterstützung suchen.