Experten mit klarer Meinung

Atomkraft, ja bitte! Mehrheit in Umfrage wünscht sich Wiedereinstieg - ist das sinnvoll?

Stefan Besner

Online-Redakteur

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05.04.2025, 12:51 Uhr
Berlin, 15.04.2023, Demonstration von Greenpeace zum Atomausstieg.

© IMAGO/Rolf Zöllner Berlin, 15.04.2023, Demonstration von Greenpeace zum Atomausstieg.

Mehr als jeder Zweite wünscht sich nach einer aktuellen Umfrage einen Wiedereinstieg in die Atomkraft. Insgesamt 55 Prozent befürworteten das in einer Online-Befragung im Auftrag des Vergleichsportals Verivox. Insgesamt 1.007 Menschen nahmen zwischen dem 27. und dem 31. März an der nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts Innofact repräsentativen Umfrage teil. Darin lehnten 36 Prozent eine erneute Nutzung der Atomkraft ab, 9 Prozent zeigten sich unentschieden.

Der Gedanke hinter der Forderungen nach einem Wiedereinstieg dreht sich häufig darum, Kernenergie verursache keine CO2-Emmissionen. Das stimmt so allerdings nicht. Und auch unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit vertreten Experten eine ganz klare Meinung.

Union möchte den Wiedereinstieg prüfen

Deutschland war Mitte April 2023 aus der Nutzung von Kernenergie ausgestiegen. Die letzten drei Meiler wurden endgültig abgeschaltet. Davor hatte die Bundesregierung aufgrund der Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine entschieden, die Meiler noch für ein paar Monate länger laufen zu lassen.

Die Union, die mit Friedrich Merz (CDU) wahrscheinlich den nächsten Kanzler stellen dürfte, will laut Wahlprogramm prüfen, ob die zuletzt abgeschalteten Kernkraftwerke wieder in Betrieb gehen könnten.

Ist ein Wiedereinstieg in die Atomkraft sinnvoll?

Nach der Katastrophe in Fukushima 2011 beschloss die Bundesregierung, dass die Stromgewinnung in Deutschland nicht mehr über Kernkraftwerke erfolgen solle. Im April 2023 wurden die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet. Infolge gestiegener Energiepreise wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine wurden zunehmend Stimmen laut, die den Atomausstieg kritisierten. Denn mal abgesehen vom (beinahe) ewigen Dilemma hinsichtlich der Entsorgung des radioaktiven Mülls, der durch die Nutzung entsteht, versorgten „die Kernkraftwerke Deutschland günstig, sauber und zuverlässig mit Strom“, wie es auf der Seite der AfD Fraktion Sachsen heißt. CSU-Chef Markus Söder behauptet gar, dass die Klimaziele ohne Kernenergie unerreichbar seien. Aber stimmt das? Wäre der Wiedereinstieg in die Kernenergie tatsächlich sinnvoll?

Ist Atomenergie sauber?

Zwar verursacht der Prozess der Stromerzeugung in einem Atomkraftwerk keinen direkten CO2-Ausstoß, wie es auf „unendlich-viel-energie.de“ heißt, die vor- und nachgelagerten Prozesse jedoch sehr wohl. Demnach entstehen die Emissionen „beim Uranabbau, dessen Transport, der weiteren Verarbeitung zu Brennelementen, dem Kraftwerksbau und -rückbau bis hin zur Lagerung der radioaktiven Abfälle.“ Da es weltweit bis heute keine Erfahrungen mit funktionierenden Endlagern gibt, sind die hiermit verbundenen Umweltbelastungen zwar schwer abzuschätzen, der Weltklimarat IPCC rechnet in einem Bericht allerdings mit bis zu 110 Gramm CO₂-Äquivalenten pro Kilowattstunde. Im Vergleich zu Erdgas (bis ca. 490 Gramm) und Braunkohle (bis ca. 1.140 Gramm) ist das vergleichsweise wenig, bei Photovoltaik liegen die Emissionen laut „Umweltbundesamt“ hingegen bei maximal 63 Gramm, also knapp der Hälfte. Die CO₂-Belastung durch Windkraft beträgt – je nach Standort – mit 5,4 bis 15,6 Gramm pro Kilowattstunde mit Abstand nur einen Bruchteil im Vergleich zur Atomkraft („erneuerbareenergien.de“). Wissenschaftler vom Öko-Institut kommen zu dem Schluss, dass selbst eine Verdreifachung der Atomkapazität bis 2050 weder realistisch noch notwendig ist, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen.

Ist Atomenergie günstig?

Nach in jüngerer Vergangenheit massiv gestiegenen Kosten für Strom mag der ein oder andere von einer phönixgleichen Wiederauferstehung der Kernenergie träumen – mit deren Hilfe die Preise dann endlich wieder purzeln. Eine solche Hoffnung ist freilich verständlich, gehört laut Christian Klöppelt vom Fraunhofer-Institut allerdings ins Reich der Träume, wie er gegenüber der „Tagesschau“ mitteilte. Einerseits könnten wir gar nicht so viele Kraftwerke wieder in Betrieb nehmen, um überhaupt in die Nähe einer Kostensenkung zu kommen. Andererseits ist Kernenergie per se extrem teuer. Alleine in Deutschland ist die Technologie laut einer Studie des „Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft e.V.“ seit den 1950er Jahren durch den Staat mit insgesamt rund 287 Milliarden Euro (real in Preisen von 2019) gefördert worden. Dies entspricht einem Betrag von ca. 37 Euro pro Jahr pro Person in Deutschland – alleine für die Subventionen, nicht eingerechnet Folgekosten und Entsorgung des anfallenden radioaktiven Mülls. Summa summarum stellt Atomkraft damit eine der teuersten Energieformen dar. Selbst die Betreiber der Kraftwerke sprechen sich immer wieder gegen eine Wiederinbetriebnahme aus.

Warum nicht einfach alte Kraftwerke reaktivieren?

Theoretisch wäre es möglich, einige der stillgelegten deutschen Atomkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen. Klöppelt gibt allerdings zu bedenken, dass Wissenschaft und Betreiber von mindestens ein bis zwei, eher jedoch von fünf Jahren ausgehen, bis die Kraftwerke wieder ans Netz könnten. Dazu benötigen sie nämlich Sicherheitsüberprüfungen, gegebenenfalls Modernisierungen, neue Fachkräfte, neue Brennstoffe sowie einen regulatorischen Rahmen.

Wie sieht es mit Kleinstreaktoren aus?

SMR-Konzepte (Small Modular Reactors) sorgen seit Jahren immer wieder für ein Aufflammen der Wiedereinstiegsdiskussion. Ursprünglich für die Energieerzeugung auf kleinstem Raum (U-Boote oder Flugzeugträger) entwickelt, sind sie laut Klöppelt unterschiedlich aufgebaut. Eine aktuelle Studie unter Beteiligung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnet demnach zu erwartende Stromgestehungskosten von 213 - 581 US-Dollar/MWh (195 – 531 €; Stand: 4.04.2025). Erneuerbare Energien (Wind, PV) liegen dagegen nur bei 31 - 121€/MWH. Damit sind Mini-Kernkraftwerke eine bis zu 18-mal teurere Alternative und erzeugen zudem radioaktive Abfälle, bei einer verhältnismäßig geringen elektrischen Leistung.

Wirtschaftlich und klimatechnisch unvorteilhaft

Das Fazit von Wirtschaft und Wissenschaft für die Atomkraft fällt vernichtend aus. Eine Reaktivierung sowie der Neubau von Anlagen in Deutschland wird laut Faktencheck des Fraunhofer-Instituts zumeist aus Kostengründen abgelehnt. Beispielsweise müssten für anfallenden Atommüll etwa 2,5 Milliarden Euro Deckungsvorsorge aufgebracht werden. Insgesamt wären beachtliche kurzfristige Investitionen erforderlich. 2024 stieg der Nettostromanteil aus Erneuerbaren Energien laut „Tagesschau“ bereits auf 62,7 Prozent. In Engpasssituationen können Atomkraftwerke nicht einfach schnell zu- oder abgeschaltet werden. Sie jetzt wieder in den Strommix aufzunehmen, würde auf dem eingeschlagenen Weg bremsen, ein Wiedereinstieg Deutschland weder finanzielle noch klimatechnische Vorteile bringen.

Männer eher für Atomkraft als Frauen

Für den Wiederbetrieb abgeschalteter AKW und den Neubau weiterer Kraftwerke waren in der Umfrage 32 Prozent der Teilnehmer. 22 Prozent möchten nur die zuletzt stillgelegten Meiler wieder in Betrieb nehmen. Bei Männern ist die Zustimmung zur Kernkraft größer als bei Frauen.

Ursprünglich sollte der Atomausstieg bereits zum 31. Dezember 2022 vollzogen sein. Den schrittweisen Ausstieg hatte 2011 die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima beschlossen.

Zustimmung für Erneuerbaren-Ausbau

Auf überwiegende Zustimmung trifft der Ausbau erneuerbarer Energien. 57 Prozent der Befragten waren dafür, hier auch weiter stark zu investieren. 17 Prozent lehnten das ab.

Thorsten Storck von Verivox erklärte: „Offenbar sind das Festhalten an der Kernenergie und der Ausbau der erneuerbaren Energien für viele kein Widerspruch. Während der Atomausstieg noch stärker polarisiert, herrscht beim Ausbau der erneuerbaren Energien größere Einigkeit.“

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