Politikwissenschaftler gibt Erklärungen
Mit Grünen gleich auf: Warum die Liberalen bei den Jüngeren so gut ankommen
30.09.2021, 05:55 Uhr
Die Jugend will den Umweltschutz, sie geht mit Fridays for Future auf die Straße, sie wählt also grün oder auch links - das dachten zumindest viele noch vor der Bundestagswahl. Bestätigt haben sich die Annahmen allerdings nur in Teilen: Zwar haben 22 Prozent der 18 bis 29-Jährigen laut Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen für die Grünen gestimmt, die damit in der Gruppe stärkste Kraft wurde, die Linke schnitt mit acht Prozent allerdings deutlich schlechter ab. Und noch überraschender für viele: Die FDP, die im politischen Spektrum eher im Bereich Mitte bis Mitte-rechts verorten ist, wurde mit 19 Prozent in der Altersgruppe zweitstärkste Kraft. Bei den Erstwählern lag sie laut Ergebnissen von Infratest dimap sogar mit den Grünen gleichauf.
Unterschiedliche Prioritäten bei Jüngeren
Doch was macht die Liberalen für junge Wähler so interessant? "Ich als Wirtschaftsstudent und künftiger Arbeitnehmer im gleichen Bereich, konnte mich mit dem Wahlprogramm der FDP am ehesten identifizieren", erklärt ein 24-jähriger Nürnberger auf Nachfrage. Besonders überzeuge ihn die Steuerpolitik "sowie die erweiterte Digitalisierung die von der CDU/CSU nie wirklich angepackt wurde". Ein 28-Jähriger sieht es ähnlich: Das Klima sei ihm zwar alles andere als egal, die Vorschläge der Grünen halte er aber für utopisch. Seine Wahlentscheidung sei größtenteils aus Anlegersicht entstanden, hier verfolge die FDP die für ihn besten Pläne.
Für Politikwissenschaftler Joachim Behnke sind solche Aussagen kaum überraschend: "Grob kann man sagen, dass es unter Jüngeren einerseits die Weltverbesserer gibt. Das sind die, die Probleme unserer Zeit angehen und sich dafür einsetzen wollen, dass es für künftige Generationen besser wird." Sie wählen eher die Grünen, so Behnke.
"Andererseits haben wir auch bei Jüngeren eine Gruppe, die sehr rational überlegt, was sie erreichen will und wie sie ihr eigenes Leben so gestaltet, dass sie es als gelungen empfindet." Der Fokus liege mehr auf Karriere und guten Einkommen. "Das sind die, die eher zur FDP neigen", erklärt der Politikwissenschaftler, der seit 2008 an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen lehrt.

Hinzu komme, dass sich die FDP nach außen hin sehr modern gebe und ihren Wahlkampf auf Parteichef Christian Lindner fokussiere: "Und auch wenn Linder in diesem Jahr seriöser und staatsmännischer dargestellt wurde - man erinnere sich an die Wahlplakate von 2017 als er in einem Unterhemd, von dem er behauptete es war ein T-Shirt, auf den Plakaten zu sehen war - wirkt das Ganze immer noch sehr hip. Das kommt bei Jüngeren an."
Viele von Grünen enttäuscht
Die Grünen blieben dagegen auch bei den jüngeren Wählern hinter den Erwartungen zurück - aus denselben Gründen, die sie auch generell zu einem schlechteren Ergebnis führten, vermutet Politikwissenschaftler Behnke: Zum einen hätte Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin nicht überzeugen können, zum anderen seien Wähler von den Grünen zur SPD abgewandert, als sich das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Union und SPD abgezeichnet hatte.
Falsch sei es auch zu glauben, Anhänger von Fridays for Future seien automatisch Grünen-Wähler: "Es gibt viele in der Bewegung, die sogar enttäuscht sind von der Partei, weil ihnen die Politik im Kampf gegen den Klimawandel nicht weit genug geht. Und sie wollen ihre Ziele durch die Bewegung und nicht über Parteien in die Gesamtpolitik hineintragen." Ähnliches spiegelt auch die Antwort einer 23-jährigen Studentin auf die Frage nach ihrer Wahlentscheidung wider: "Ich hab die Linke gewählt, weil sie das früheste Klimaneutralitäts-Ziel hatten. Das war mir am Wichtigsten."
Dass Grüne und FDP auch künftig in der Kohorte die stärksten Kräfte bleiben werden, ist allerdings nicht wahrscheinlich: "Wenn diese Leute älter werden, werden andere Dinge eine wichtige Rolle spielen und ihre Wahlentscheidung beeinflussen," erklärt Behnke. Dass die Zukunft Deutschland politisch gesehen also Grün und Gelb ist, kann man aus den Ergebnissen nicht ableiten.
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