Neue Eltern gesucht

15.10.2011, 00:00 Uhr
Neue Eltern gesucht

© Patrick Pleul/dpa

Für mehr als ein Dutzend Kinder war Claudia Hornung (Name geändert) schon die Rettung. Vom gerade geborenen Säugling bis zum pubertierenden Teenager. Immer wenn schnell gehandelt werden muss, beispielsweise weil das Kind in seiner eigenen Familie gefährdet ist, springt die Bereitschaftspflege ein.

Dann kann es passieren, dass Familie Hornung einen Anruf vom Jugendamt bekommt. Und innerhalb weniger Stunden stellt sich Familienzuwachs ein. Manchmal nur für wenige Wochen, manchmal für einige Monate. So lange, bis für das Kind entweder ein geeigneter Dauerpflegeplatz gefunden wurde, oder sich die Familienverhältnisse wieder so weit normalisiert haben, dass es zurück kann.

Ein kleines Mädchen, Lilly (Name geändert), ist Familie Hornung geblieben. Lilly lebt seit mittlerweilen drei Jahren in dem geräumigen Haus auf dem Land. Zu Claudia Hornung sagt sie längst Mama, auch wenn sie weiß, dass sie „niemals in ihrem Bauch war“, wie das Mädchen es ausdrückt. Die eigene Mutter ist gestorben, der Vater, selbst fast noch ein Kind, kann sich nicht um seine Tochter kümmern.

Keine 16 Jahre war Lillys Mutter alt, als die Kleine geboren wurde. Die ersten Lebensmonate verbrachte Lilly irgendwo in der Republik in zugigen U-Bahnhöfen mit ihrer suchtkranken Mutter und deren Clique. Mitgeschleppt wie eine Puppe. Ohne festes Dach über dem Kopf, haltlos, beziehungslos, lieblos.

Mit Alkoholproblem geboren

Verlassensängste, Krankheiten und Entzugserscheinungen prägten Lillys erste Lebensmonate. Durch die Alkoholkrankheit ihrer Mutter kam auch Lilly bereits mit einem Alkoholproblem auf die Welt. Eine Hypothek, die sich nicht so leicht abschütteln lässt.

Claudia Hornung erinnert sich noch gut an ihre erste Zeit mit ihrer Pflegetochter: „Ich konnte sie keine Sekunde alleine lassen. Sobald ich mich auch nur umgedreht habe, schrie die Kleine wie am Spieß. Sie war so voller Angst.“ Auch an Schlaf war für die neue Mama kaum zu denken.

Mit einer Engelsgeduld und immer gleich ablaufenden Ritualen hat sie der kleinen Lilly langsam Sicherheit vermittelt. Egal ob am Wickeltisch, beim Essen oder beim zu Bett bringen am Abend. Alles wurde ritualisiert, alles lief über Monate gleich ab. So lange, bis Lilly wusste, auf diese Mama ist Verlass.

„Pflegekinder bringen immer große Defizite mit. Schließlich haben sie in ihrem kurzen Leben oft schon viel mitgemacht. Ein Pflegekind ist eine große Herausforderung“, weiß Hornung. „Aber wenn man die ganze Erziehung nicht zu sehr unter Erfolgsdruck packt, kann daraus langfristig etwas Wunderbares entstehen“.

Erhöhtes Risiko

So wie bei Lilly. Die Kleine ist mittlerweile im ganzen Dorf beliebt. Auch wenn sie manchmal noch zum Jähzorn neigt, auch wenn ihre Pflegemutter ihr mit viel Geduld Mitgefühl beibringen musste. Und auch wenn ihre neue Mama weiß, dass vor allem Lillys Suchtproblem noch lange nicht ausgestanden ist. Denn inzwischen weiß man, dass Kinder, wenn die Mutter während der Schwangerschaft trinkt, in der Pubertät ein um 80 Prozent erhöhtes Risiko haben, selbst suchtkrank zu werden.

„Wer ein Pflegekind aufnimmt“, so die gelernte Erzieherin, „muss wissen, dass da eine ganze Familie hinten dran hängt“. Schließlich haben die leiblichen Eltern auch weiterhin ein Umgangsrecht mit ihrem Kind. Sofern nicht zwingende Gründe dagegen sprechen. Die Zeiten legt in der Regel das Jugendamt fest. Dann treffen sich die Pflegeeltern auf neutralem Boden mit der Familie, sehen zu, wie die leibliche Mutter mit ihrem Kind spielt, geben ihr Tipps, müssen auch manchmal trösten.

Rund 60 Kinder leben im Landkreis Forchheim bei Pflegeeltern, im Landkreis Erlangen-Höchstadt sind es rund 80. Nicht gerechnet die Kinder, die bei Verwandten untergekommen sind.

Pflegemutter ist ein 24-Stunden-Job. Etwa 240 Euro gibt es dafür im Monat für die „Erziehungsleistung“. Zusätzlich zum Unterhalt, der aber in der Regel nur die Bedürfnisse der Kinder deckt. „Wegen des Geldes wird vermutlich niemand ein Kind aufnehmen“, ist sich die Jugendamtsmitarbeiterin sicher.

Viele dieser Kinder brauchen zusätzlich nebenbei noch Frühförderung, sind essgestört, haben Sprachprobleme oder motorische Defizite. Dann müssen die Kinder zu den Therapien gebracht werden.

Familien in der Offentlichkeit

Den wichtigsten Unterschied zwischen leiblichen Eltern und Pflegeeltern beschreibt Martina Schulz, Sozialpädagogin im Amt für Jugend und Familie in Forchheim, aber so: „Solange es keine Probleme gibt, können leibliche Eltern ihre Kinder erziehen, wie sie es für richtig halten. Bei Pflegekindern stehen die Familien ganz anders in der Öffentlichkeit.“

So haben die leiblichen Eltern, sofern ihnen nicht das Sorgerecht entzogen worden ist, ein bestimmtes Mitspracherecht. Beispielsweise bei lebenswichtigen Entscheidungen wie Schulwahl, religiöser Erziehung, bei Urlauben, bei denen Impfungen vorgeschrieben sind, etcetera. Außerdem arbeiten Pflegeeltern immer auch mit dem zuständigen Jugendamt zusammen.

Allerdings sei die Angst davor, das Kind gegen dessen Willen wieder den leiblichen Eltern zurückgeben zu müssen, die potentielle Eltern oft von einer Pflegschaft abhält, in der Regel unbegründet, weiß Martina Schulz. „Ich habe es in all den Jahren noch nicht erlebt, dass Kinder aus einer intakten Dauerpflege herausgerissen worden wären. Allerdings habe ich es schon erlebt, dass es darüber gerichtliche Auseinandersetzungen gab. Und das alleine ist für eine Familie extrem anstrengend.“

Wer sich für ein Pflegekind interessiert, muss zunächst zwischen Bereitschafts- und Dauerpflege unterscheiden. Bereitschaftspflege kann nur leisten, wer entweder eine Ausbildung zur Erzieherin oder bereits Erfahrung mit Pflegekindern hat.

Die wichtigste Voraussetzung für eine Dauerpflege sei, so Martina Schulz, die eigene emotionale Stabilität. „Mit einem Pflegekind kommt man an Grenzen, die man vorher noch nicht erlebt hat.“, so die Sozialpädagogin.

Die Jugendämter bieten interessierten Eltern ein vorbereitendes Seminar und Einzelgespräche an. Sie stehen während der Vermittlung ratgebend zur Seite und kümmern sich auch danach noch regelmäßig um das Wohl des Kindes. Darüber hinaus bieten die Jugendämter Stammtische, Feste und Fortbildungen für Gleichgesinnte an.

Der erste Schritt für künftige Pflegeeltern ist in jedem Fall der Gang zu dem Jugendamt, in dessen Landreis man wohnt. Darüber hinaus bietet der Pflegekinderdienst Forchheim am Mittwoch, 19. Oktober, um 19.30 Uhr einen unverbindlichen Infoabend in der Gereonskapelle am Landratsamt Forchheim.

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