Altstadtfest: Es fetzt im Innenhof der Kaiserpfalz
02.07.2013, 17:52 Uhr
Lucky Schmidt ist unberechenbar. Wahrscheinlich weiß nicht einmal er selbst, was er als nächstes tun wird. Experimentierfreudig wie immer und ungeheuer selbstironisch spielt sich sein Kurzauftritt auf dem Offenen Podium ab. Zuerst nutzt er die Mittel der körpereigenen Beatbox, um a cappella zu singen. Dann scheint er die „kleinste Mundharmonika der Welt“ verschlucken zu wollen. Zumindest aber inhaliert er seine „Little Lady“ derart gekonnt, dass ihr psychedelische Klänge entströmen.
Zuletzt nimmt sich die Klavierlegende aus Eggolsheim mit einer perfekt parodierenden Pianisten-Pantomime à la Wilhelm Busch selbst auf die Schippe. Das E-Piano bleibt dabei unangetastet und erfreulich jungfräulich. Das wird nicht den ganzen Nachmittag und Abend so bleiben.
Denn das Offene Podium zieht vor allem Nachwuchsmusiker aus der Region ins Rampenlicht. So wie Wolfgang Köberlein aus Höchstadt/Aisch mit seiner Teenagerband „Trouble X“. An seiner Seite seine Kinder Lisa (E- Bass) und Leo (Keyboard). Deren Schulfreunde Adrian Nanu und Alina Holler singen Coverversionen, während Felix Nitsche und Max Völlner sich um die Percussion kümmern. Nur Dominik Knoll passt als nichtjugendlicher Aushilfsgitarrist nicht ins U16-Schema.
Fußball der Zukunft
Einen autobiographischen Fußball-Text aus der Zukunft präsentiert Hubert Forscht, seines Zeichens nicht nur derzeitiger Kulturpreisträger der Stadt Forchheim und Cheforganisator des Offenen Podiums, sondern auch Kabarettist. Als solcher ist er satirischen Übertreibungen nicht abgeneigt und zeigt dies mit einer gigantischen Groteske um dreibeinige Außerirdische, Lederbälle als Herzschrittmacher und ein Riesenstadion, dessen Bau Heroldsbach und Hausen zum Opfer fallen.
Die Stärke des Offenen Podiums bleibt jedoch seine Vielseitigkeit. Eine ausdrucksstarke Tanzperformance besonderer Art legt Angelica Maia Martinez (Nürnberg) auf die Bretter. Ihr „Leviathan in my pocket“ vereint Bauchtanz und Hip Hop, klassisches Ballett und moderne Choreographie. Ein akustischer wie optischer Aufheller. Bereits alte Bekannte im Talentschuppen des Jungen Theaters sind Eberhard Wilhelm und seine „I.G. Rock“. Dabei steht das I.G. nicht nur für Interessengemeinschaft, sondern auch für Igensdorf, wo die Nachwuchsband an der Musikschule ihren Stützpunkt hat.
Daniel Gebhardt und Florian Krenzel (E-Gitarre) sowie die Schwestern Sina (Schlagzeug) und Nadja Herrmann (E-Bass) lassen die Bühne mit Rocklegenden wie den „Shadows“, Elvis Presley oder „ZZTop“ erbeben. Als die Filmmusik zum „Dritten Mann“ erklingt, darf auch Eberhard Wilhelm zur Gitarre greifen. Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend als „Klosterer“ erzählt Dieter George. Dabei erfährt man aus den 50er und 60er Jahren, was es mit dem Schwarzrauchen, dem Dreischoppentrick oder dem Fußballplatz im Klostergarten auf sich hatte.
Passend zum Altstadtfest dreht sich die Lesung um Forchheimer Kneipen, in denen sich ein Großteil der damaligen Freizeit abgespielt hat. Die Besucher hören vom Neder, in dem gewattet wurde, vom Fässla, wo ein Spielautomat Spannung versprach, und vom Roten Ross, das mit einer Jukebox lockte. Während die einen über derlei Anekdoten noch lachen, hört man die Appalachen. Die Formation „Kiss me quick“ aus dem Erlanger Umland hat sich ganz der Musik der „guten alten Zeit“ verschrieben. Die schwungvolle Tanzmusik, die den Innenhof in den Wilden Westen verlegt, lässt sich nur kurz von der Muse küssen. Dann zeigt sich das Volk begeistert und applaudiert Petra Jäckel (Gitarre), Manus Schmitt (Geige), Brigitte Trost (Geige) und Sol Kohen (Kontrabass).
Einen ruhigen Gegenpol bildet das Duo „heilsam und Leander“, das mit gefühlvollen Balladen aus eigener Feder das Publikum zum Nachdenken und sogar Träumen bringt. Während Leonie Polsters nuancenreiches Tastenspiel Mike Dörings sentimental-sanften Gesang über die Bühne begleitet, erzählt das Duo vom „Ende der Welt“. Das kommt zwar nicht, dafür aber das Ende des Offenen Podiums. Das ist noch viel schlimmer.
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