Abschied vom Hausrat

18.08.2011, 22:00 Uhr
Abschied vom Hausrat

© Horst Linke

Wo diese gute Laune nur herkommt? Dieter Bruckelt und Dagmar Linz-Bruckelt hatten das Hochwasser im Haus, jetzt räumen sie aus. „Alles, was am Fußboden stand, ist hin“, sagt die Physiotherapeutin und streift die Arbeitshandschuhe ab. Komplette Rollen Folie, Farbreste, altes Werkzeug haben die Eheleute aus Stadeln in die Container verfrachtet. Schon die dritte Fuhre. „Wir nutzen das gleich zur Erneuerung“, sagen sie und lächeln.

Unterhalb des Schuttbergs, wie die Fürther den Solarberg noch kennen, stehen Kühlschränke und ausgediente Waschmaschinen, Autoreifen lagern hier, Säcke voller Styropor werden in hohem Bogen in die eisernen Mulden geworfen. „Außer Sprengstoff und Grünabfällen nehmen wir hier alles“, scherzt Betriebsmeister Martin Pichl (45). Aber es ist viel Wahres dran. Blumentröge aus Eternit, Rigips-Platten, Reinigungsmittel – praktisch alles kommt hier an. Kunterbunt durcheinander, so wie die Kundschaft.

Mira Wirsz etwa lädt gerade den alten Familiencomputer aus dem Auto. „Den Geist hat er schon vor zwei Jahren aufgegeben“, erzählt sie. Nun soll noch vor dem Urlaub aufgeräumt werden. Die Entsorgung in der Vacher Straße ist „für uns superpraktisch, wir wohnen gleich im Golfpark“. Ihr Sohn spielt den Chauffeur, hat schon die Tastatur vorangetragen. „Könnten Sie mir helfen?“, bittet Mira Wirsz, und Reinhard Kaluza, Mitarbeiter im Recyclinghof, packt beim Monitor mit an.

Ausnahmsweise und weil die dunkelhaarige Frau so nett gefragt hat. Bei jedem und auf Dauer wäre das unmöglich: Schweres Heben geht auf die Knochen. Weil das auch für die Kundschaft gilt, dürfen Fahrräder mit verbogenen Speichen und kaputte Rasenmäher auch vor den Containern abgestellt werden. Später hebt sie ein Mitarbeiter mit dem Radlader über die Kante.

Was Fürther hier abstellen, sieht oftmals zu schade zum Wegwerfen aus. Gebrauchte Skier, Staubsauger von Vorwerk oder das Kinder-Fußballtor, das ein Mann gerade über dem Kopf zum Aluminium-Container trägt. „Manchmal, da könnten S’ greina“, sagt Martin Pichl. Aber was nutzt es denn? Den früheren Besitzern stehen die Dinge im Weg, vom Hof darf sie keiner mitnehmen.

Lukratives Geschäft

Sie gehen beim Ausladen in den Besitz der Stadt über. Für die Abfallwirtschaft ist der Müll – außer Sperrholz, dessen Entsorgung elf Euro die Tonne kostet – längst ein lukratives Geschäft. Beim Altpapier und bei den Metallen, säuberlich in Alu, Edelstahl und Buntmetalle getrennt, sowieso. Auch Unterhaltungselektronik und „weiße Ware“ wird deshalb vom Recyclinghof selbst zerlegt und weiterverwertet.

Die Sonne sticht unbarmherzig, auf dem Hof herrscht Kommen und Gehen. Eigentlich müssten alle über die Waage fahren, aber für einen Kofferraum voll biegen viele gleich links ab. Heckklappe auf und raus damit. Während es früher in den Ferien ruhig war, beobachtet der Betriebsleiter, zeigt die Tendenz seit zwei Jahren nach oben. Auch die Menge der Renovierungsabfälle ist deutlich angestiegen. „Statt in den Urlaub zu fahren“, vermutet Martin Pichl, „bleiben die Leute daheim und investieren lieber in ihre Wohnung oder ein neues Gartenhaus.“

Auch kleine Handwerksbetriebe oder Entrümpelungsfirmen liefern an. Bierbank-Garnituren, Federrahmen, Matratzen. Für Privatleute, die eine haushaltsübliche Menge ankarren, kostet das in der Regel nichts. „Die Fürther Bürger sind schon verwöhnt“, urteilt Pichl, der auch für die Bauschuttdeponie und den Kompostplatz zuständig ist. Die Nürnberger zum Beispiel dürfen gar keinen Restmüll zu ihren Recyclinghöfen bringen, die Wertstoffhöfe im Landkreis verlangen schon bis 50 Kilogramm zehn Euro Gebühr. Bemerkenswert: Seit die Sperrmüllabfuhr in Fürth 15 Euro kostet, ist die Menge an Sperrmüll im Recyclinghof um 70 Prozent gestiegen.

Gerade wuchten Bianca Grimm (29) und ihre Schwägerin Nicole Grimm das Eckstück einer Sofalandschaft aus dem Transporter. Die Couch gehörte der Schwiegermutter, aber jetzt gibt es neue Möbel. Also weg damit. Martin Pichl setzt per Knopfdruck den Pressmechanismus des Sperrmüll-Containers in Gang. Mit hydraulischem Druck quetscht der Polster und Holzkonstruktion auf die Hälfte zusammen, so dass bis zu fünf Tonnen in eine Ladung passen. Auch das reduziert Kosten.

Reinhard Kaluza trägt eine Tasse Kaffee über den Hof, 15 Uhr. Noch eine Stunde bis Betriebsschluss. Bei den Öffnungszeiten sind sie wirklich streng in Atzenhof. Dafür geht es schon um halb acht los – und etliche Fürther entledigen sich noch vor der Arbeit ihres alten Graffls. Der Start in einen leichteren Tag.

 

Keine Kommentare