Hebamme: Ehemals weise Frau und Hexe
21.11.2007, 00:00 Uhr
Stolz präsentieren sie dicke Bäuche und pralle Brüste: Die Schwangeren, die frühe Künstler aus Ton geformt und aus Stein geschlagen haben, zeigen die Fruchtbarkeit als Geschenk. Die Geburt freilich . . . haben Frauen schon immer in Schmerzen erlebt. Denn dem reibungslosen In-die-Welt-gleiten sind der aufrechte Gang des Menschen und sein gekipptes Becken, der verhältnismäßig große Kopf des Kindes und die eigentlich zu schmale Öffnung der Beckenknochen eher hinderlich.
Stunden, manchmal Tage liegen die Frauen in Wehen. Seit Menschengedenken helfen ihnen die Hebammen über die schweren Stunden. «Mütterchen» und «Nabelschneiderin» nannten die Griechen diese weisen und heilenden Frauen, «Beisteherin» sagten die Römer, und bei den Germanen hieß die Hebamme «die Hebende». Sie hob das Neugeborene zum Vater.
Apropos Mann: Männer hatten, das stellen die Hebammen Heike Giering und Christine Just in ihrem Vortrag heraus, über Jahrtausende bei einer Geburt nichts zu suchen. Ägyptische Reliefs zeigen nur Frauen, bei den Juden saßen die Gebärenden auf dem Schoß der Hebamme.
Sitzbäder gegen Krämpfe
Die kannte schon im Altertum die innere und äußere Untersuchung, und sie wusste, wie Wehenschmerzen und Krämpfe mit Dämpfen und Sitzbädern gelindert werden konnten. Als Kräuterkundige gerieten die Hebammen in der frühen Neuzeit, ab 1500, ins Visier der Hexenverfolgung. Viele verbrannten auf Scheiterhaufen.
Mit dem Auftreten der Buchärzte und der Verwissenschaftlichung der Medizin wurde ihr Wissen um Verhütung, Schwangerschaft und Geburt ab dem 16. Jahrhundert abgewertet. Erst als Olga Gebauer 1885 den Hebammenverband gründet, sich die aktiven Frauen die «Hinzuziehung bei jeder Geburt» erstreiten, steigen Ansehen und Bedeutung wieder.
Obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg der medizinische Fortschritt und die technischen Hilfsmittel die Geburt sehr gewandelt haben, ist die Hebamme nach wie vor die erste Ansprechpartnerin für Gebärende. Die sinnliche und ganzheitliche Wahrnehmung, sagt Heike Giering, «ist der Trumpf unseres Berufsstandes». Hebammen beobachten, sie leisten Beistand und wenden sich zu. Und sie aktivieren die werdende Mutter: Im Englischen heißen die Wehen, «in labour» zu sein - also zu arbeiten.
Die Zusammenarbeit von Hebamme, Schwester und Arzt wurde übrigens schon im Nathanstift vorbildlich praktiziert, sagt Giering: «Es war damals wie heute eine aufgeschlossene Klinik.»