Krisendienst für Neumarkt gefordert
30.03.2011, 09:47 Uhr
Die Frage, was eigentlich mit ihnen ist, stellen sich viele Angehörige. Überforderungen, falsche Erwartungshaltungen und auch Einsamkeit mit ihren Gefühlen gehören leider häufig zum Alltag. Auch Anita Drefs, Leiterin des Sozialpsychiatrischen Diensts und des Tageszentrums vom Diakonischem Werk, weiß das: „Auch die Angehörigen sind mit der Situation überfordert und wissen nicht, wie sie mit der Veränderung des geliebten Menschen umgehen sollen. Außerdem haben sie oft keine Ahnung, wie sie sich am besten verhalten sollen, wissen nicht, was falsch und was richtig ist“.
Um den Angehörigen etwas von dieser Last abzunehmen und sie mit Leuten, die sich in ähnlichen Situationen befinden, in Kontakt zu bringen, hat der Sozialpsychiatrische Dienst einen Gesprächskreis ins Leben gerufen. Dieser trifft sich alle drei Monate und ist wie eine Selbsthilfegruppe zu sehen. Bei inhaltlichen oder organisatorischen Problemen steht der Sozialpsychiatrische Dienst aber zur Seite. Im Rahmen dieser Gruppe gibt es auch immer wieder Vorträge von Fachkräften wie Eva Straub.
Diese kennt das Gefühl, viele Fragen, aber wenig Antworten zu haben, nur zu gut. Straubs Sohn leidet an Schizophrenie, einer psychischen Erkrankung, bei der Betroffene Realität und Fantasie immer schlechter auseinander halten können. Als die ersten Symptome im Jugendalter auftraten, wandte sie sich auch an den Sozialpsychiatrischen Dienst. „Dort hat man nicht das Gefühl, mitten in der Psychiatrie gelandet zu sein, sondern bekommt kostenlos und unverbindlich Hilfestellungen und Tipps, wie man weiter verfahren könnte“, so Straub. Drefs betonte allerdings, dass ihre Arbeit keinen Facharzt ersetzen könne, sondern in erster Linie begleitend arbeitet.
Dass die Angehörigen, Freunde und Partner eine Möglichkeit zum Austausch haben, hält Straub für absolut unverzichtbar, da niemand sonst die Gefühle und Probleme so unmittelbar und vor allem rund um die Uhr bewältigen muss. „Man kann sich nur wenigen Leuten wirklich anvertrauen“, weiß Straub. „Wenn ich Probleme mit dem Rücken habe, kann ich mir ohne Probleme gute Ratschläge von der Nachbarin holen. Verändert eine nahestehende Person aber plötzlich seine Persönlichkeit, rastet ohne Vorwarnung aus oder kapselt sich völlig ab, wird das schwierig, vor allem, weil die Beschwerden ja nicht sichtbar sind.“
Viel Überwindung
Deshalb seien die psychischen Krankheiten auch für viele so schwer nachvollziehbar. Wenn man nicht schon einmal in Berührung mit einer psychischen Erkrankung gekommen ist, wüsste auch die Familie nicht, was gerade passiert. Einen Notarzt zu informieren oder in die Psychiatrie zu fahren koste aber irrsinnig viel Überwindung und sei ein großer Schritt, den man meist noch nicht bereit ist, zu gehen. Deshalb sei das Angebot des Sozialpsychiatrischen Dienstes eine große Hilfe.
Dennoch wünscht sich Straub, dass auch in Neumarkt ein telefonischer Krisendienst installiert wird: „Die Situationen spitzen sich meist gegen Abend, am Wochenende oder an Feiertagen besonders zu. Es ist ein großes Defizit, dass es nur in München, Regensburg, Würzburg und Nürnberg derartige Notfalldienste gibt“.
Es gebe ja nicht nur in den Großstädten psychische Erkrankungen. Bei jeder dritten Person, die statistisch gesehen einmal im Leben psychiatrischer Hilfe bedürfe, könne man sich ausrechnen, wie wichtig die Einrichtung so eines Notfalldienstes sei.