„Dieser Beruf ist eine Herzensangelegenheit“
20.03.2012, 11:00 Uhr NZ: Frau Eichmann, wie kommt eine junge Frau auf die Idee, so einen mutmaßlich trübsinnigen Beruf zu erlernen?
Kathrin Eichmann: (lacht) Gar nicht!
NZ: Aber Sie arbeiten doch als Bestatterin?
Eichmann: Das ist völlig richtig, aber gelernt habe ich das nicht.
NZ: Das müssen Sie mir erklären!
Eichmann: Ich bin eigentlich gelernte Zahnarzthelferin und seinerzeit schon über Umwege in die Automobilbranche gerutscht. Zuletzt arbeitete ich zehn Jahre als Assistentin der Geschäftsleitung im Porsche Zentrum Nürnberg. Nun ja, und dann kam, wie so oft, die Liebe ins Spiel... Der Kollege, der mein Herz eroberte, ist Frau Kaplans Sohn, und so kam ich erstmalig mit dem Bestattungsunternehmen in Berührung. Meine Tätigkeit im Autohaus war sehr umfangreich, und ich sehnte mich schon länger danach, die Dinge privat wie beruflich etwas ruhiger angehen zu lassen.
NZ: Deswegen haben Sie gekündigt?
Eichmann: Ich war bereits parallel zu meinem Job immer an den Wochenenden mit den Bestattern mitgefahren, um Erfahrungen zu sammeln und herauszufinden, ob ich das machen kann. Mitfahren bedeutete kurz gesagt: auf den entsprechenden Anruf hin zu dem Sterbefall fahren und jemanden einzusargen.
NZ: Wie haben Sie sich denn auf Ihre erste Berührung mit dem Tod eines fremden Menschen vorbereitet?
Eichmann: Man kann sich nicht vorbereiten, das geht nicht. Beim allerersten Mal, das war in einem Altenheim in Heroldsberg, bin ich schlichtweg an der Türe stehengeblieben. Die Leiche war bereits mit einem Tuch abgedeckt, so dass ich keinerlei Berührung mit ihr hatte. Zugepackt beim hinaustragen habe ich dann selbstverständlich schon. Meine Schwiegermutter ist da recht beherzt. Ursprünglich hatte Frau Kaplan ja auch nur jemanden für die Bürotätigkeiten gesucht, und ich hatte anfangs immer gesagt, ich kann das nicht, ich habe ein Problem mit eurem „Produkt“. Nach diesem ersten Mal hatte ich dann aber verstanden, dass der Kontakt mit der Leiche nur einen kurzen Moment in der Arbeit ausmacht.
NZ: Und jetzt können Sie diesen Beruf einfach so ausüben, ohne irgendeine Ausbildung?
Eichmann: Die Ausbildung gab es tatsächlich bisher nicht, das wird jetzt erst neu angestrebt vom Bestatterverband. Bestatter zu sein, das ist eine Herzensangelegenheit. Jeder Mensch ist individuell, und jede Leiche könnte auch meine Mutter oder mein Kind sein, und deswegen behandeln wir alle toten Menschen gleich und respektvoll.
NZ: Um was alles kümmert sich denn ein Bestatter?
Eichmann: Nun ja, wir bekommen den Anruf, dann fahren wir zum Einsargen und überführen die Leiche ins Krematorium – wir haben ja kein Krematorium, so wie das in Filmen gerne mal gezeigt wird, hier bei uns im
Keller. Dann folgen die Trauergespräche mit den Hinterbliebenen, die in erster Linie dazu dienen, den Trauernden die komplette Organisation abzunehmen. Man klärt Fragen wie Feuer- oder Erdbestattung, wo die Trauerfeier stattfinden soll, welcher Sarg gewünscht wird, welche Wäsche. Man fragt, ob schon ein Grab vorhanden ist, man kümmert sich um Grabkreuz und Blumen, die Traueranzeigen, Danksagungen, einen Redner, die Musik – einfach komplett alles. Früher war der Bestatter ja eigentlich nur ein Florist und Totengräber, doch heute, mit den wachsenden Ansprüchen, erwarten die Leute eine umfassende Betreuung. Die Hinterbliebenen sind zumeist natürlich völlig überfordert, und die Trauer kommt manchmal mit so einer Wucht, dass die Leute uns gegenüber aggressiv werden oder wir das Gespräch abbrechen müssen, weil der Trauernde so sehr weint.
NZ: Ist Ihr Beruf nicht immer nur traurig?
Eichmann: Es gibt schon Fälle, bei denen ich den Schmerz der Angehörigen mitfühle, beispielsweise bei einem „umgekehrten Sterbefall“, also wenn ein Sohn vor seiner Mutter stirbt. Da steht man dann am Grab und schluckt und braucht im Anschluss auch ein paar Tage, um das zu verarbeiten. Aber normalerweise denke ich nicht 24 Stunden am Tag an den Tod, da wäre ja ein normales Leben nicht möglich. Aber mein Verhältnis zum Leben hat sich schon geändert, ich bin ruhiger, Ansprüche sind nicht mehr so wichtig, ich genieße mehr. Man sieht eben die Endlichkeit des Lebens tagtäglich.
NZ: Mit welchen Klischees werden Sie konfrontiert?
Eichmann: Eigentlich mit keinen. Nur eines sage ich Ihnen: Diese Scheintoten, die man immer im Kino sieht, die gibt’s heutzutage nicht mehr! Von so etwas habe ich in unserem Beruf noch nie gehört. Meine Freunde und meine Familie fanden meine Entscheidung schon krass, aber niemand hat versucht, mich aufzuhalten. Und wissen Sie was? (lacht) Heute bin ich Mittelpunkt auf jeder Party, weil jeder meinen Beruf so interessant findet!
NZ: Apropos interessant – was ist Ihnen denn schon an Ungewöhnlichem begegnet in diesem Beruf?
Eichmann: Hm, also höchst ungewöhnlich war die Trauerfeier, bei der nach der Rede des Geistlichen in höchster Lautstärke „Engel“ von Rammstein durch die Halle dröhnte. Dann haben wir einmal einen großen Club-Fan in FCN-Sarg und FCN-Bettwäsche beigesetzt. Und wir bereiten eine Weltraumbestattung vor, was extrem selten weil das absolut teuerste ist. Einschränkungen gibt es keine, wir machen alles im Rahmen mögliche.
NZ: Ihr einschneidendstes Erlebnis?
Eichmann: Mit absoluter Sicherheit die Überführung der sechs gefallenen Bundeswehrsoldaten im Februar letzten Jahres. Als der Anruf damals kam, dachte ich erst, das sei ein geschmackloser Witz. Aber als der Offizier dann hier im Büro stand und bereits alles über uns wusste... Wir haben eine Woche lang Tag und Nacht gearbeitet, damit auch ja alles glatt über die Bühne geht, in der Zeit habe ich drei Kilo abgenommen. Als die Gefallenen dann nachts im Nürnberger Flughafen eintrafen, waren die Nerven zum Zerreißen gespannt. Die Atmosphäre in der Halle war unglaublich angespannt, mucksmäuschenstill, kein Mensch hat auch nur gehustet und wir haben uns kaum noch getraut, zu atmen.
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