Kinder geben sich ungewöhnliche «Fair-Play«-Regeln
15.07.2009, 00:00 Uhr
Oft genug kommt es zum Streit, weil sich ein Kind schlicht nicht ausdrücken kann, erzählt Carola Schönherr, Lehrerin an der Volksschule in der Wandererstraße. Es möchte beispielsweise mitspielen, ist aber nicht in der Lage, das zu artikulieren. Statt zu fragen, ob es «mitmachen« darf, schubst es andere - eine Unbeholfenheit, die sich in Aggression zeigt und im Streit eskaliert.
Kinder schätzen Situation falsch ein
Oder: Manche Kinder verfügen nur unzureichend über «Gefühlwörter«, berichten Pädagoginnen, und können nicht mitteilen, dass sie einsam oder niedergeschlagen sind. Auch nicht selten: dass ein Kind eine Situation falsch einschätzt und beispielsweise meint, ein anderes Kind will es schlagen - also schlägt es zuerst.
Diesen Defiziten im Miteinander sucht die Bismarckschule, eine Schule mit hohem Migrantenanteil, etwas entgegenzusetzen. Es gibt etwa Gruppengespräche, in denen die Kinder erfahren sollen, was beim anderen los ist, wie es ihm geht. Es wird über Glück gesprochen, über Wut, Eifersucht oder Enttäuschung, sagt die Schulsozialpädagogin Karin Siedelmann.
«Seelenvogel« hilft sich mitzuteilen
So lernen die Kinder im Projekt «Seelenvogel«, sich mitzuteilen, indem sie einen Vogel in verschiedenen Farben malen. Der Vogel steht für ihre Gefühle, hat viele «Schubladen« und ist heute wütend, morgen traurig. «Der Vogel ist eine Metapher für viele Gefühlslagen«, sagt Siedelmann. Das Malen regt zum Gespräch mit anderen an, fördert das Nachdenken über sich selbst.
Ein Erfolg dieser Arbeit: Ein Junge, der in der Schule zu Übergriffen neigte, wird sich nach und nach seines Verhaltens bewusst und schreibt auf die Rückseite seines «Seelenvogels«: Er wolle sich ändern. Oder: Ein Mädchen, das einen Elternteil verloren hat, drückt seine Sehnsucht nach Fröhlichkeit genauso wie seinen Schmerz im «Seelenvogel« aus. Die eigene Gefühlswelt darstellen, sie zur Sprache bringen - das ist ein Ansatz, um Konflikten vorzubeugen.
Mädchen besser integriert
Ein anderer: das Projekt «Fair Play« im Hort Wandererstraße. Dort machten sich die Kleinen erst einmal Gedanken, was für sie «Fair Play« bedeutet. Unter dem Motto «Straßenfußball für Toleranz« erarbeiteten sie gemeinsam neue Spielregeln. Ein Beispiel: Die Tore der Jungs zählen nur, wenn auch ein Mädchen ein Tor schießt. «Das führt dazu, dass die Mädchen besser ins Spiel integriert werden«, sagt Erzieherin Tina Kehr.
Oder: Tore sind gar nicht so wichtig, viel wichtiger sind «Fair-Play-Punkte«, die man sammeln kann, indem man beispielsweise keine Ausdrücke verwendet oder auch mal eingesteht, wenn man nicht gut gespielt hat. Ob eine Mannschaft gewinnt, hängt vor allem von diesen Fair-Play-Punkten ab. Die Folge: Die übliche Konkurrenzmentalität steht nicht mehr im Vordergrund.
Sozialkompetenz und Persönlichkeitsentwicklung
«Fair Play« und «Seelenvogel« sind nur zwei Beispiele vieler Projekte, die seit Oktober 2008 an drei Kindergärten, fünf Horten und zwei Schulen mit insgesamt 700 Kindern umgesetzt wurden - im Rahmen des Programms «Lebenswelt Konflikt«, das seit 2001 vom Jugendamt angeboten wird und auch zur Fortbildung von «Multiplikatoren« dient, also von Lehrern und Erziehern. Laut Jugendamt sollen Sozialkompetenz und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder gestärkt werden.