Infrastruktur fehlt
Kommentar: Rücksichtsloses Radfahren nimmt zu
10.05.2021, 05:57 Uhr
"Wenn ich mit meinem Fahrrad fahr, dann ist die Welt ganz einfach", singt Max Raabe in seinem wunderbaren Lied "Fahrrad fahr‘n". Doch so einfach ist die Welt der Zweiräder derzeit nicht. Wer eine Reparatur benötigt, der muss lange warten, es sei denn er hat die Beziehungen zu seinem Fahrradhändler über Jahre hinweg gepflegt. Die Ursache für die lange Warterei ist nicht nur der Zweiradboom, weil alle gleichzeitig ihr Rad reparieren oder aufhübschen lassen wollen: Es fehlen Fahrradmonteure und die kleinen Läden um die Ecke haben vielfach gegenüber den Großen der Branche kapituliert.
Lange Lieferzeiten
Wer sich ein spezielles Rad kaufen will, das erst noch bestellt wird, der muss deutlich über zwei Monate warten. Es sei denn, er sucht in ganz Deutschland nach seinem Lieblingsmodell. Selbst einige normale Damensättel werden erst im Dezember wieder ausgeliefert und ja, auf die Mäntel seiner Reifen sollten Fahrradfahrer gut aufpassen, denn es könnte zu einem Lieferengpass im Sommer kommen. Fahrradfahren ist in Deutschland lange belächelt worden. Ganzjahresfahrern wurde im Winter gerne der Vogel aus den warmen Autos gezeigt.
Seit einigen Jahren hat das Zweirad erheblich an Reputation gewonnen. Das hat sicherlich mit dem E-Bike zu tun, das vor allem für die Zuwachsraten bei den Verkäufen sorgt. Das E-Bike hilft Älteren, mobil zu bleiben und den Radius ihrer Touren zu vergrößern. Zu dem Boom haben auch das wachsende Gesundheits- und Umweltbewusstsein beigetragen.
Geschmack und Stilbewußtsein
Ein zusätzliches Plus ist sicherlich die Möglichkeit, Geschmack und Stilbewußtsein mit dem Zweirad zu zeigen: Bei der Indvidualisierung des Zweirads sind fast keine Grenzen gesetzt und es bleibt bezahlbar. Es ist eben etwas anderes, ob man Fahrradfahren muss, um mobil zu bleiben, oder ob man die Freiheit hat, Fahrrad zu fahren. Doch es gibt auch Schattenseiten des Fahrradbooms, denn die Infrastruktur hat nicht mitgehalten.
Das hat jetzt endlich auch die Bundespolitik erkannt. Der Plan von Verkehrsminister Andreas Scheuer, dass Deutschland bis 2030 eine Fahrradland werden soll, geht in die richtige Richtung, doch diesen Ansatz hätte man schon vor einigen Jahren wählen können, denn auf den Fahrradwegen ist es schon jetzt eng. Da muss die Begeisterung, in die Pedale zu treten gar nicht mehr weiter wachsen. Schnell wird das Problem nicht zu beheben sein, denn der Bau neuer Fahrradautobahnen und breiterer Fahrradwege benötigt eine jahrelange Vorlaufzeit, das musste Nürnberg leidvoll erfahren.
Das hilft gegen den Fahrradklau
Die Einschätzung aber , dass allein breitere Fahrradwege, die Zahl der Toten und Verletzen wieder sinken lässt, ist unwahrscheinlich: Manchmal wünscht man sich, dass Radfahrer, vor allem mit E-Bikes, eine Fahrradführerscheinprüfung ablegen müssten. Rücksichtsloses Fahren wird auch mit klarem Umweltbewusstsein nicht besser.
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