Fahren Pegnitzer Modellbahnfans aufs Abstellgleis?
02.12.2016, 08:45 UhrDie ganz kleine Welt, die ist hier oben noch in Ordnung. Im ersten Stock im Neuhofer Weg 6 steht eine Frau mit ihren beiden Kindern am Bahnsteig von Fischbrunn und wartet auf den Zug. Alle drei haben rote Haare, alle drei tragen Gelb. Ein silberner Roller wartet im Grünen auf jemanden, der nie wieder kommen wird, um ihn abzuholen. Es ist fünf vor fünf, langsam wird es dunkel, die Laternen sind angeknipst.
Gleich hinter dem Grün beginnt die große Welt. Die Welt von Thomas Siegel, Thorsten Fuchs und ihrem Eisenbahnverein. Die ist allerdings gar nicht so idyllisch wie die in Fischbrunn. Thomas Siegel ist der Vorsitzende der Pegnitzer Eisenbahnfreunde, Thorsten Fuchs sein Stellvertreter.
Kein fließend Wasser
Beide treibt die Sorge um, ob es ihren Verein in ein paar Jahren noch geben wird. 1999 gründeten sich die Eisenbahnfreunde, seitdem sind sie fünfmal umgezogen. Nun ist das Vereinsheim im Neuhofer Weg. Der Besitzer des Gebäudes kommt den Zugfans entgegen, er lässt sie bleiben, obwohl er das Haus abreißen lassen will. Die Klingel funktioniert nicht mehr, es gibt kein fließend Wasser, keine Toiletten, keine Heizung. Es ist ein „Notquartier“, seit vier Jahren. Ein Ofen sorgt für ein wenig Wärme. Die Eisenbahnfreunde sind froh, dass sie überhaupt eine Bleibe haben, die sie sich leisten können. „Wir müssen froh sein, wenn er (Anm. d. Red.: der Vermieter) noch so geduldig mit uns ist. Aber man weiß ja, er will das Haus weg haben“, sagt der 49-jährige Thomas Siegel.
Seit der Gründung 1999 ist er Mitglied im Verein, seit 2001 dessen Vorsitzender. „Es findet sich kein anderer“, sagt er, lächelt ein wenig schüchtern und zuckt mit den Schultern. Er hat die Leidenschaft für Züge von seinem Vater, genauso wie sein Vize Thorsten Fuchs. Der 28-Jährige ist seit 2003 bei den Eisenbahnfreunden. Gefunkt hat es bei einer Ausstellung. „Ich war zehn Minuten drin und habe mich gleich für den Mitgliedsantrag entschieden“, so Fuchs.
Seine Passion für Züge ist nicht zu überhören. Während des Gesprächs klingelt sein Handy, Dampflokpfeifen. Wenige Minuten später will jemand Thomas Siegel erreichen. Wieder pfeift eine Dampflok. Die Klingeltöne hören sich für den Laien identisch an, für die Experten ist da aber ein gehöriger Unterschied. „Das ist ein anderer Pfiff“, klärt Siegel auf und lacht.
Einmal die Woche treffen sich die Zugfans zum Basteln im Vereinsheim. Sie bauen Module, die man fix wieder abbauen und beliebig aneinander reihen kann. Jeder hat seine Aufgabe, hier ist das Basteln Teamwork. Ein Mitglied ist Zahntechniker, aus Gips hat er die Felsen an einem Modul gestaltet. Es gab auch ein Mitglied des Vereins, das hat die Miniaturfiguren bemalt. Letztes Jahr ist der Mann verstorben. Siegel und Fuchs sind eher die Männer fürs Grobe. Sie sägen Module zurecht, kümmern sich um die Elektrik und überlegen sich, wie die Landschaft realistisch wirkt. „Es ist das Umsetzen von der Idee in das reale Modul“, versucht Thomas Siegel seine Leidenschaft für den Modellbau zu erklären.
Die Eisenbahnfreunde haben sich für ein teures Hobby entschieden. Doch der Verein stellt das Meiste zur Verfügung. Das „fahrbare Material“, wie Loks und Waggons, müssen die Mitglieder selbst mitbringen. „Das wären Summen, die könnte sich der Verein nicht leisten“, so Siegel. Eine Dampflok kann schon um die 140 Euro kosten.
Der Traum vom Bahnhof
Trotzdem hat der Verein keine großen Nachwuchssorgen. Er hat 29 Mitglieder, das jüngste ist 15, das älteste 77 Jahre alt. „Wenn man nicht als Kind damit in Berührung kommt, ist es später schwieriger, das Hobby für sich zu entdecken“, sagt Siegel. Im Schnitt liegt das Alter der Mitglieder bei 50 Jahren. Aber das ist verglichen mit den Sorgen um ein Vereinsheim für die Vorsitzenden vernachlässigbar. Es sei schwierig, in Pegnitz Räume zu finden, die groß genug und bezahlbar sind.
Irgendwann, in ein paar Jahren, wollen die Eisenbahnfreunde den Pegnitzer Bahnhof nachbauen. Wenn es vorher nicht heißt: „Endstation. Bitte alle aussteigen.“
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