Vom Leben im Modellort Münzinghof

28.06.2016, 19:14 Uhr
Vom Leben im Modellort Münzinghof

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Vom Leben im Modellort Münzinghof

© Foto: Brigitte Grüner

150 Menschen leben und arbeiten in diesem Ortsteil der Stadt Velden. Knapp die Hälfte sind Erwachsene mit einer geistigen Behinderung. Vom sechsmonatigen Baby bis zum 85-jährigen Senior sind dort alle Altersgruppen vertreten. Das Zusammenleben in Familienstrukturen und zwei kleinen Wohngruppen klappt harmonisch. Alles geht Hand in Hand, eine Werkstatt ist auf die andere angewiesen.

Die Familien gehen in der Gärtnerei einkaufen, die Molke aus der Käserei wird den Schweinen verfüttert. Milch von eigenen Kühen, eigene Landwirtschaft und Gemüseanbau in Demeter-Qualität, Möbel für die Häuser und Geländer für jedes Treppenhaus – alles ist selbst gemacht. Der Dorfgemeinschaft gehören 16 Hektar Wald und sie bewirtschaftet etwa 80 Hektar Land.

Der Münzinghof ist nicht nur als Einrichtung der Eingliederungshilfe ein Erfolgsmodell, sondern auch der größte Arbeitgeber der Stadt Velden. Über 100 Beschäftigte in Voll- und Teilzeit bringen sich in der Dorfgemeinschaft ein. In den zehn Werkstätten wird meist in Zweier-Teams mit den Menschen gearbeitet, für die ein Berufsleben ohne Anleitung und Assistenz nicht möglich wäre.

Selbstständige Gemeinschaft

Auf eines sind alle stolz: Das Dorf kann sich quasi selbst ernähren. Produkte aus der Landwirtschaft oder den Werkstätten werden vertrieben, andere Dinge müssen eingekauft werden. „Unter dem Strich geht das – rein vom Einnahmen-Ausgaben-Verhältnis gesehen – Null auf Null auf“, erklärt Michael Taubmann, Mitglied der Geschäftsführung.

Die Menschen in Münzinghof gehen offen und ehrlich mit den Anderen um. „Sie sagen frei heraus, wenn ihnen etwas nicht gefällt, und zeigen genauso unverblümt ihre Sympathie“, berichtet Julia Schlegel. Sie ist nicht nur Hausverantwortliche, sondern auch in der Geschäftsführung tätig. Der Münzinghof ist eine von wenigen Einrichtungen dieser Art, in der die Mehrheit in einer familiären Struktur lebt. In jedem der malerischen Häuser leben Hausverantwortliche, zum Teil mit ihren eigenen Kindern – und acht bis zehn Menschen mit Unterstützungsbedarf. Seit 1978 gibt es die Dorfgemeinschaft. Anfangs nur in drei Gebäuden, doch mit den Jahren ist Münzinghof gewachsen.

Nach Feierabend kommen gemeinsame Freizeitbeschäftigungen nicht zu kurz. Es gibt viele Angebote und Möglichkeiten. Eine Band, Joga- und Schwimmgruppen, Fußball, regelmäßige Filmabende, Fahrten ins Hallenbad oder ins Kino, Theatergruppe, Tanzkurse und Mandala-Malen sind Beispiele. Gemeinschaftsaktionen wie die Apfelernte oder Geburtstagsständchen am Dorfplatz schweißen zusammen.

Ganz bewusst suchen die Münzinghofer in der Freizeit auch Anschluss in örtlichen Vereinen. „Es ist uns ganz wichtig, dass wir nicht abgeschottet hier leben“, erklärt Michael Taubmann. Der Veldener ist seit 22 Jahren in Münzinghof tätig, kennt jeden Bewohner und hat miterlebt, wie sich das Dorf in dieser Zeit sukzessive entwickelt hat.

Die Dorfgemeinschaft steht einerseits für ein soziales Miteinander, auf der anderen Seite auch für qualitativ hochwertige Produkte und für eine gute Ausbildung. Mehrere Lehrlinge im Metallbau waren schon Innungsbeste, einer sogar Bester in Bayern. In allen Bereichen werden Ausbildungsplätze angeboten: In Gärtnerei, Landwirtschaft, Käserei, Schreinerei oder als Heilerziehungspfleger.

Auch Plätze für Praktika oder die Möglichkeit, ein Freiwilliges Soziales Jahr im Dorf zu machen, sind gegeben. Ebenso können sich Interessierte als Ferienbetreuer bewerben. Die fahren dann auf Kosten der Einrichtung mit einer Gruppe von Bewohnern und fachlicher Unterstützung in den Urlaub, haben nette Kontakte und Erholung. Dafür gibt es sogar Geld.

www.muenzinghof.de

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