«Verkorkster Fixpreis«

05.03.2009, 00:00 Uhr

Patientenvertreter Michael Kilp-Hartwig hatte dort einen symbolischen Platz. «In der Zange von Interessen«, wie der Sozialpädagoge selbst feststellte, «zwischen Ärzten und Vertretern der Krankenkassen«. Die Rother Ärzte Jürgen Büttner und Herbert Braig sowie Klaus Ernst von der Barmer in Roth und Günther Wittmann für die AOK Mittelfranken-Süd.

Michael Kilp-Hartwig skizzierte zu Beginn, in welche Richtung die Politik das deutsche Gesundheitssystem seiner Meinung nach verändern will. «Statt niedergelassener Ärzte soll es Medizinische Versorgungszentren geben, statt einer öffentlich-rechtlichen Verfassung mit klaren Rechten für die Patienten soll es privatwirtschaftlich den Kapitalinteressen unterworfen werden.«

Dr. Jürgen Büttner, Hausarzt in Roth, formulierte es drastischer. Die geltenden Vergütungsregeln führen dazu, «dass der niedergelassene Arzt auf eiskalte Art enteignet wird«. Büttners Meinung nach werden «die Ärzte ausgehungert« und können somit über kurz oder lang ihre Sach- und Personalkosten nicht mehr tragen. «Dann kommen private Kapitaleigner und kaufen die Praxen auf.«

Gegenwärtig erhalte ein Hausarzt 41 Euro pro Quartal und Patient. «Mit diesem Geld konnte ich bis zum 3. März behandeln; bis zum Quartalsende ist der Tank nun leer«, so Büttner. Der Rother Urologe Dr. Herbert Braig unterstützte diese Darstellung aus Sicht der Fachärzte. «Wir erhalten einen Fixpreis pro Patient und Quartal: 25 Euro die Urologen, 18 Euro die Augenärzte und 15 Euro die Gynäkologen.« Das sei total verkorkst. Es zeige, fügte er hinzu, «was der Politik Qualität wert ist«. Der Mediziner machte dafür ausschließlich Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt verantwortlich. Mit dem Gesundheitsfonds setze sie auf ein «sozialistisches Einheitswerkzeug, bei dem jeder mehr bezahlt«.

Er forderte die Versicherten auf zu fragen, wo das Geld bleibe. «Es ist nämlich ihr Geld«, so Braig.

Das tat der «Patientenstammtisch« dann auch. Sie warfen den Kassen vor, zu viel für Glaspaläste, Gehälter von Direktoren, Werbung und Bonusprogramme auszugeben. «Das fehlt für kranke Menschen, fand auch Jürgen Büttner, sah jedoch die Hauptverursacher der Vergütungsklemme auf Seiten der Politik. «Die Politik müssen wir in die Verantwortung nehmen«, waren sich Büttner und Braig einig.

AOK-Vertreter Günther Wittmann erklärte, die Werbekosten der Kassen seien gesetzlich begrenzt und lägen im Cent-Bereich pro Patient. 160000 Jahresgehalt für den Chef der bayerischen AOK hielt Wittmann für angemessen. «Das ist ein Unternehmen mit vier Milliarden Jahresumsatz und 12000 Mitarbeitern«, begründete er seine Meinung. Klaus Ernst trat der Kritik entgegen, mit etwa 200 Krankenkassen gebe es zu viele Versicherungen in Deutschland. «1994 waren es 1200«, sagte Ernst.

Der Freystädter Arzt Dr. Heiner Schilling schilderte indes ein positives Beispiel für die Ärztevergütung, das insbesondere die Arbeit der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) in Frage stellte. Durch Verträge der Hausärzte unmittelbar mit der AOK vorbei an der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) erhalte man 82 statt 41 Euro. «Damit kommen wir hervorragend zurecht«, sagte Schilling. Dem Schluss aber, dass 41 Euro bei der KV hängen bleiben, widersprach Herbert Braig heftig. «Bei der KV versickern keine Milliarden«, war der Facharzt überzeugt. Sie sei eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und werde streng kontrolliert. «Auch wenn sie intransparent erscheint, ist die KV nicht die Wurzel des Übels«, sagte Braig.

Der Büchenbacher Hausarzt Dr. Wolfgang Hafner forderte dennoch vehement ihre Abschaffung. «Die KV ist ein Relikt aus dem Dritten Reich und die Vollstreckungsbehörde des Bundesgesundheitsministeriums«, behauptete Hafner lautstark und sichtlich zornig. Das Vergütungssystem für Ärzte sei mittlerweile so kompliziert und intransparent, dass es nicht einmal mehr die eigenen Leute der KV verstehen, fügte Hafner hinzu.

Ebenfalls eine Existenz bedrohende Auswirkung auf ihre Praxen sahen die Logo-, Ergo- und Physiotherapeuten. «Der Bedarf an Therapie ist nach wie vor da«, erklärten ihre Vertreterinnen beim Bürgerpatientenstammtisch. Aber die Ärzte trauten sich aus Angst vor den Regressforderungen der Kassen nicht mehr sie zu verschreiben. Das habe bei Praxen in Nürnberg zu Umsatzeinbußen zwischen 40 und 60 Prozent geführt.

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