Hähnchenmast: Fürbitten für den Verzicht
02.12.2009, 00:00 Uhr
Die 160 Sitzplätze im Bürgersaal reichen nicht. Die Besucher stehen bis in den Flur. Die Stimmung ist angespannt. Zum ersten Mal stellt die dreiköpfige Betreibergemeinschaft ihre Pläne für einen Maststall für knapp 40 000 Hähnchen der Öffentlichkeit vor.
In der Begrüßung hat Bürgermeister Walter Schnell drei Botschaften: Man stehe zur Landwirtschaft, man wünsche aber Frieden im Dorf, und gegen den Maststall gebe es schwerwiegende Bedenken im Gemeinderat.
Noch gibt es keinen Antrag. Die Landwirte Thomas Arnold (Abenberg), Roland Dengler (Götzenreuth) und Peter Spachmüller (Kammerstein), die das Projekt planen, haben angesichts der Proteste die Bürger zur Diskussion geladen - und Vertreter der Firma Wiesenhof, eine Expertin für Emissionen und Maximilian Schneider vom Bayerischen Bauernverband (BBV) zur eigenen Unterstützung. «Denn auch wir betreten mit der Mast von Geflügel Neuland», erklärt Arnold.
«Wirtschaftskreislauf»
Roland Dengler wirbt um Verständnis für den Standort an der B 466. Die Nähe zur dortigen Biogasanlage ermögliche einen idealen Wirtschaftskreislauf: Mist als Rohstoff für Wärmeenergie aus der Anlage.
Die drei Referenten lösen unterschiedliche Reaktionen aus: BBV-Kreisgeschäftsführer Schneider muss am Ende zugeben, zum Thema Hähnchenmast «kaum etwas sagen zu können». Diplom-Ingenieurin Roswitha Farny, eine unabhängige Sachverständige aus Landshut, betont, dass der in diesem Fall gesetzlich geforderte Abstand von 210 Metern zu den Häusern eingehalten werde. Eine Belästigung sei nicht zu erwarten. Dass sie aber veraltete Luftbilder zeigt, Kammerstein der Gemeinde Abenberg zuordnet und die Pizzeria, die nahe der Anlage wäre, ironisch als «sehr idyllisch» verspottet, das provoziert erste Buhrufe.
Dr. Josef Bachmeier ist Tierarzt und Geschäftsführer der «Brüterei Süd», einem Tochterunternehmen der Firma Wiesenhof. Er stellt klar: Der Verbraucher wolle billiges Hühnerfleisch. Das sei nur mit solchen Anlagen möglich. Und: «Wir halten uns an die Gesetze.»
In der von Jürgen Karg, dem Redaktionsleiter des Schwabacher Tagblatts, moderierten Diskussion betonen Landwirte aus der Gemeinde, dass man von «drei Kühen und zwei Hühnern» nun mal leider nicht mehr leben könne. Die meisten Besucher aber sehen in dem Stall gar keine Landwirtschaft, sondern Industrie. Sie fürchten massive Geruchsbelästigung, eine Minderung der Lebensqualität und finanzielle Folgen. «Eine Fläche wird veredelt, hunderte entwertet», sagt ein Haager Bürger.
Wirtschaftliche Bedenken
In Kammerstein wohnt Alfred Dornisch, der Leiter des Schwabacher Gründerzentrums Schwung. Er genießt in der ganzen Region einen exzellenten Ruf als Experte für Existenzgründungen. Und er warnt die drei Landwirte, sich in der Zusammenarbeit mit Wiesenhof «vollständig in die Hände eines Konzerns zu begeben». Der Kammersteiner Uwe Jüttner hat im Internet recherchiert, dass die drei Landwirte bei einem Stall dieser Größe mit monatlich jeweils etwa 500 Euro Einnahmen rechnen könnten. Eine Zahl, die weder bestätigt noch dementiert wird. Ob das den Dorffrieden wert sei? Auch die Schwabacher SPD-Landtagsabgeordnete Helga Schmitt-Bussinger warnt davor, «die Bevölkerung zu spalten».
Und wie reagieren die Betreiber? «Wir wollen das schon durchziehen», sagt Thomas Arnold, schwächt dann aber etwas ab: «Wenn möglich würden wir’s gerne machen.» Peter Spachmüller gibt sich diplomatisch, ohne sich festzulegen: «Wir werden die Sorgen der Bürger ernst nehmen. Sicher ist noch gar nichts.»