Report: 17 Jahre Kampf um den Arzttitel
18.10.2010, 22:19 Uhr
17 Jahre hat die russische Ärztin um ihre Anerkennung in Deutschland gekämpft; heute arbeitet sie als Kosmetikerin. Homajun Nobacht hingegen hat es geschafft. Vor 25 Jahren kam er aus dem Iran nach Hessen, heute führt er zwei Apotheken.
So individuell beide Schicksale sind, so exemplarisch beleuchten sie die Probleme von Zuwanderern in Deutschland. Und sie zeigen, wie sehr sich viele Zuwanderer trotz aller Probleme hier zu Hause fühlen. «Ich bin nie zum Sozialamt gegangen und habe um Geld gebettelt. Ich hatte Glück, nette Menschen in Deutschland zu kennen, die geholfen haben», sagt Vera Sier. Homajun Nobacht ist überzeugt: «Wenn ich hierhin komme für ein besseres Leben, muss ich auch was dafür tun.»
Vera Sier ist einst aus Liebe nach Deutschland gekommen. Im südrussischen Rostow am Don hatte sie an der medizinischen Hochschule ihren Abschluss als praktische Ärztin gemacht. Als sie Jahre später in Deutschland eintraf, war diese Ausbildung nichts mehr Wert. «Ich sollte als Ausländerin noch drei Jahre weiterstudieren, konnte aber kein Deutsch und hatte nicht mal Geld für die Fahrkarten zur Uni», sagt die 48-Jährige mit den rotbraunen Haaren.
Da sie nicht den Status als Flüchtling oder Aussiedlerin hatte, bekam sie keinerlei Unterstützung vom Staat. «Ich bin mit einem solchen Enthusiasmus gekommen, aber wer die Behörden in Deutschland erlebt, verliert irgendwann den Mut», sagt Vera Sier und berichtet von einem Teufelskreislauf: Um eine vom Staat unterstützte Ausbildung zu machen, sollte sie ein Jahr in Deutschland arbeiten - ohne dass sie die Sprache beherrschte oder Geld für Deutschkurse hatte.
In Russland hatte sie sieben Jahre als Ärztin in einem Krankenhaus gearbeitet. In Deutschland ging sie putzen oder arbeitete als Aushilfe in einem Friseursalon. Entmutigen ließ sie sich trotzdem nicht. Sie schaffte die zweijährige Ausbildung zur Kosmetikerin und Fußpflegerin. Seit etwa zehn Jahren hat sie eine kleine Praxis in Braunschweig.
Ihren Traum, als Ärztin zu arbeiten, hat Vera Sier noch nicht ganz aufgegeben. «Aber hier fehlt einfach die Flexibilität in der Ausbildung», sagt sie. «Warum kann ich als Selbstständige nicht zu Hause lernen und bei Prüfungen dann zeigen, was ich kann?»
Homajun Nobacht hat diese Chancen gehabt und genutzt. Allerdings mit einem großen Unterschied: Der 48-Jährige, der seit acht Jahren die Forsthaus-Apotheke in Neu-Isenburg bei Frankfurt führt, hat in Deutschland studiert - und sich schließlich entschieden, Deutscher zu werden. Nur so war die Approbation möglich. «Die gibt es nur mit der Staatsbürgerschaft.»
Mit einem Abiturschnitt von 1,7 und dem Wunsch zu studieren war Homajun Nobacht 1985 «alleine und mit einem Koffer» nach Deutschland gekommen. Wegen politischer Konflikte habe er in seiner Heimat nicht studieren können, erzählt er. Nobacht landete in Frankfurt, wo er auf eine Ausreisegenehmigung in die USA wartete, seinem eigentlichen Traumziel. In der Zwischenzeit finanzierte er mit Gelegenheitsjobs einen Sprachkurs.
Per Studienkolleg holte er ein in Deutschland anerkanntes Abitur nach und konnte ein Studium beginnen. Die USA-Pläne waren damit passé. 2000 wurde er Deutscher. «Mein Arbeitsverhältnis war bis dahin immer von der Aufenthaltserlaubnis abhängig», erinnert sich der Apotheker, der inzwischen noch eine zweite Filiale in Frankfurt mit zusammen 15 Mitarbeitern leitet. Wo heute seine Heimat ist? «Wo ich mich wohl fühle und die Gesellschaft mich akzeptiert, ist mein Land. Im Iran bin ich mehr Ausländer als hier.»