«Pferde sind keine Sportgeräte«

01.08.2009, 00:00 Uhr
«Pferde sind keine Sportgeräte«

© Karlheinz Daut

Rund 1,7 Millionen Reiter in Deutschland fühlen sich jetzt als Tierquäler abgestempelt – zu Unrecht?

Dr. Cordula Gather: Absolut, dieser Vorwurf ist falsch. Ich möchte hier erwähnen, dass es ganz wichtig ist, ob die Reiter mit oder ohne Vorsatz verbotene Substanzen einsetzen. Das Gros verfolgt die Gedanken des Tierschutzes und lässt ein Pferd nur starten, wenn es «Fit to compete« ist und nicht unter irgendwelchen Medikamenten, verbotenen Substanzen oder Doping steht. Unsere erfolgreichen Reiter wissen, dass eine langfristige Etablierung im Spitzensport nur mit einem gut aufgebauten, gesunden Pferd möglich ist.

Wann gilt ein Pferd als krank?

Gather: Krankheit bezeichnet die Störung der normalen Funktion des ganzen Körpers oder eines Organs. So wird eine Krankheit eines Pferdes vermutet, wenn es deutliche Abweichungen von seinem normalen Befinden, Verhalten, Bewegungsmuster aufweist.

Wie sollte eine faire Partnerschaft zwischen Reiter und Pferd aussehen?

Gather: Gegenseitige Akzeptanz und Respekt auf beiden Seiten. Das Pferd sollte immer im Mittelpunkt stehen. Da das Pferd nicht reden kann, muss der Reiter den Charakter, das Verhalten, die Reaktion in bestimmten Situationen kennen und einschätzen können.

Im Training darf ein krankes Pferd behandelt werden, im Wettkampf nicht, da gilt die Null-Lösung. Muss man davon ausgehen, dass ein krankes Pferd trotzdem eingesetzt wird?

Gather: Nein. Als Beispiel sei ein Pferd genannt, dass über Jahre hinweg aufgebaut wird, um gute Leistung auf hohem Niveau zu zeigen. Bei Einsatz eines kranken Pferdes läuft der Reiter Gefahr, es zu überfordern und somit einen viel größeren, eventuell auch irreversiblen Schaden an seinem Partner Pferd anzurichten.

Es ist zum Beispiel verboten, am Wettkampfwochenende ein stark schwitzendes Tier mit einer Elektrolytinfusion zu versorgen, wie man es beim Sportler bei der Tour de France macht. Aber quält sich das Tier dann nicht erst recht?

Gather: Für einen Wettkampf sollte ein Pferd sehr gut vorbereitet sein. Es sollte die Kraft, die Kondition, die körperliche und geistige Fitness für den bevorstehenden Wettkampf besitzen. Starkes Schwitzen ist für einen Sportler nichts Besonderes. Wenn ein Pferd stark schwitzt, muss dafür gesorgt werden, dass die verlorene Flüssigkeit über das Trinkwasser wieder langsam kompensiert wird. Außerdem gibt es Elektrolytlösungen als Futterzusatzmittel, die nicht unter verbotene Medikation fallen.

Viele kritisieren das Regelwerk als zu komplex, zudem bietet es einige Grauzonen. Müsste es einfach mal komplett entrümpelt werden?

Gather: In der letzten Zeit ist durch die Pressepräsenz einiger Spitzensportler viel in Bewegung gekommen. Ein Aufwachen hat stattgefunden. Und das ist gut so. Vieles wird neu durchdacht, zur Vereinfachung des Regelwerkes werden Vorschläge gemacht.

Pferde sind Handelsware, der Samen erfolgreicher Hengste kostet viel Geld, Ludger Beerbaum oder Marcus Ehning verstehen sich auch als Unternehmer. Liegt da das Problem?

Gather: Der Pferdesport unterliegt wie alle anderen Sportarten natürlich auch den wirtschaftlichen Interessen. Das ist aber weniger als Problem, denn als eine Notwendigkeit zu sehen. Einen Sport «professionell« auszuüben heißt, ihn auch als eine Erwerbstätigkeit anzusehen. Nur so ist es möglich den Pferden die verdiente bestmögliche Betreuung zukommen zu lassen.

Wie definieren sich die Tierärzte in diesem System? Spüren Ihre Kollegen den wirtschaftlichen Druck?

Gather: Es geht hier um ein Lebewesen, das selbst nicht entscheiden kann und für das wir die Verantwortung übernehmen. Der wirtschaftliche Druck wirkt sich nicht negativ aus. Im Gegenteil, die hohen Werte dieser Sportler unterstützen die Bedeutung, für das Pferd zu agieren.

Sie haben früher selbst an Turnieren teilgenommen. Ist die Reitsport-Szene im Hochleistungsbereich härter, profitorientierter geworden?

Gather: Ja, im Gegensatz zu früher sicherlich. Die stärkere Konkurrenz, die höheren Anforderungen und die höheren Preisgelder haben die Reitsport Szene verändert – aber nicht immer negativ. Wir dürfen die Pferde nur nicht als Sportgeräte sehen, welche wie in der Formel 1 neu aufgetankt werden, einen Reifenwechsel bekommen und dann ins nächste Rennen geschickt werden. Die Pferde müssen wie Leistungssportler Zeit zum Regenerieren habe, um wieder motiviert konstante Höchstleistung erbringen zu können.