Wenn die alten Bären es nicht lassen können
01.12.2009, 00:00 Uhr
Der Kodiak in Alaska schränkt um diese Jahreszeit seine Aktivitäten erheblich ein, es herrscht – auch aus Mangel an Nahrung – Winterruhe. Davon kann bei den Kodiaks des SV Johannis 07 keine Rede sein. Winterruhe (und erst recht Nahrungsmangel) ist für sie ein Fremdwort, was sie jeweils am Dienstag und Freitag auf der Ringermatte mit immer noch großem Griffrepertoire, noch größerer Begeisterung – und der eine oder andere auch mit dem einen oder anderen Kilo mehr auf den Rippen beweisen. Denn Kodiaks nennt sich jene Gruppe von Ringern, die den hohen Anforderungen, die gerade am Zeisigweg vorausgesetzt werden, entweder aus Altersgründen entwachsen sind oder ihnen aus Leistungsgründen nie so ganz gewachsen waren. Die auf ihren Sport jedoch ebenso wenig verzichten möchten wie auf das Gefühl, weiterhin zur Großfamilie der Johannis-Ringer zu gehören.
Herausgekommen ist nach Gesprächen, angeleiert von Ralf Choroba und Andreas Buchhorn, eine Gruppe von Alt-Ringern und Späteinsteigern – und weil angesichts der Johannis-Grizzlys, an deren Bundesliga-Rückkehr keine Zweifel mehr bestehen, ein Bärenname für die «neuen Alten» Pflicht war, muss der Kodiak herhalten. Ein bisschen Schwelgen in Erinnerungen an glorreiche Zeiten war natürlich auch dabei, gilt er doch als der größte und stärkste Braunbär.
Die Resonanz auf das seit Frühjahr bestehende Angebot ist groß, denn es gibt etliche ehemalige Spitzenathleten, die wie Choroba der Meinung sind: «Ich will mich nicht mehr schinden, nicht mehr lange Techniken bolzen, sondern ringen ohne Druck und mit Spaß.» Und das demonstrieren neben den beiden «Chefs» mit immer noch beachtlichem Können und Ehrgeiz viele «Ehemalige», deren Namen in der Szene weit über Nürnberg hinaus bekannt sind: Rainer Weber, Pedro Michallak, Markus Rebel, Daniel Endres und Roland Weeske zählen zu jenem guten Dutzend, das regelmäßig die Matte bevölkert.
Und weil hier geballte Erfahrung ringt, mischen sich, vor allem vor der Zweitliga-Saison, oft auch junge Grizzlys darunter wie Tim Schleicher, Christoph Pscherer und Marc Pöhlmann. Von Andreas Hirschbolz, Thomas Schwab und den Besold-Brüdern Mario und Franco ganz zu schweigen. Denn lernen können auch sie noch von den Alten, Spaß macht’s zudem - und einer wie Jürgen Rebel, als «Assistenztrainer» (fast) unverzichtbar, hat trotz seiner 65 Jahre dank seines Erfahrungsschatzes als Cheftrainer von 1973 bis 1990 am Zeisigweg immer noch den unbestechlichen Blick fürs Wesentliche .
«Einmalig in Deutschland» nennt Choroba die Gruppe der Senioren-Ringer, und hofft, dass bei dem einen oder anderen, der sich nach seiner aktiven Zeit mit der Zuschauerrolle am Mattenrand begnügt hat, «wieder die Lust am Mitmachen kommt». Oder gar neu geweckt wird, denn auch Späteinsteiger sind erwünscht, werden angeleitet und vor allem akzeptiert.
Für die Familie
«Ein bisschen Neid auf den Zusammenhalt bei uns» hat er schon in vielen Gesprächen mit Ringerkollegen anderer Vereine gespürt, denn das Miteinander beschränkt sich nicht nur aufs Ringen, sondern setzt sich auch danach fort, «schließlich kennen sich viele schon seit den Kindertagen». Gemeinsame Fahrten zu Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften gehören ebenso dazu wie der Start des einen oder anderen bei Meisterschaften der Veteranen oder die Schafkopfrunde in der Vereinsgaststätte.
Wichtigstes Anliegen ist, dass es eine Anlaufstelle gibt, in der auch nach der aktiven Zeit als Leistungssportler die Johannis-Ringerfamilie zusammenbleibt. Mit Bärenschinken und Bärwurz beim unvermeidlichen Grillabend, versteht sich.