400 Flieger

Folge der Sanktionen gegen Russland: "Größter Flugzeugklau der Geschichte"

30.03.2022, 07:01 Uhr
Ein Vorgang dieser Art ist in dieser Größenordnung noch nicht vorgekommen.

© IMAGO/Nicolas Economou Ein Vorgang dieser Art ist in dieser Größenordnung noch nicht vorgekommen.

Ein Wiedersehen mit ihren in Russland stationierten Jets wird für die Leasingfirmen immer unwahrscheinlicher. Bis Montag mussten unter anderem Marktführer wie Aercap oder Avolon ihre Verträge mit russischen Fluggesellschaften beenden. Grund dafür sind die westlichen Sanktionen gegen Russland nach dem Einmarsch in die Ukraine.

"Ich befürchte, dass wir Zeugen des größten Flugzeugdiebstahls in der Geschichte der kommerziellen Zivilluftfahrt werden", berichtet Wolodymyr Bilotkatsch, Professor für Luftverkehrsmanagement am Singapore Institute of Technology. Schon vor einem Monat wurden Maßnahmen angekündigt - die russischen Airlines haben die Maschinen dennoch nicht zurückgegeben.

Henrik Hololei, Generaldirektor der EU-Kommission für Transport, stimmt dem zu. Die in Russland befindlichen Flieger seien "den rechtmäßigen Besitzern gestohlen worden", sagt er. 400 Flugzeuge im Wert von rund zehn Milliarden Dollar - ein großer Teil davon dürfte verloren sein.

Die neue Rechtsgrundlage: Ein schwerer Verstoß

Nachdem westliche Sanktionen verhängt wurden, schuf Russland eine Rechtsgrundlage. Durch diese wurde eine zwangsläufige Außerbetriebnahme der Maschinen verhindert und die Leasingflugzeuge wurden in Russland daraufhin neu registriert, um die notwendigen Sicherheitszertifikate aufrecht zu erhalten.

Dies sei jedoch ein schwerer Verstoß gegen das Chicagoer Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt, so Hololei. Denn eine doppelte Registrierung ist nach internationalen Regeln nicht möglich. Nach Angaben der Registrierungsangaben hat Russland mehr als die Hälfte der 515 gemieteten Flugzeugen in das eigene Register eingetragen.

Eigentlich dürften die Flugzeuge nicht abheben, da die für sie zuständigen Behörden auf den Bermudas und in Irland die Lufttüchtigkeitszertifikate aussetzten. Dennoch sind meist auf russischen Inlandsrouten unterwegs. Sobald die geleasten Flieger aber außerhalb Russlands landen, können sie beschlagnahmt werden, was den internationalen Flugverkehr der russischen Airlines stark beschränkt.

EU-Kommission verfolgt jede Maschine

Jedes Flugzeug, das Russland verlässt, wird nun von der EU-Kommission verfolgt. Zusätzlich wird mit den Behörden der Ankunftsländer zusammengearbeitet, um die Flugzeuge schnellstmöglich sicherzustellen.

Bei einem Webinar der EU-Luftfahrtbehörde Eurocontrol berichtet Hololei: "Wir waren sehr erfolgreich, indem wir solche Flugzeuge wieder in Besitz nehmen konnten". Laut Bericht der russischen Nachrichtenagentur Interfax wurden vergangene Woche 78 Flieger im Ausland beschlagnahmt.

Nun stellt sich die Frage, wer diesen Schaden bezahlen wird. Die Flugzeuge sind versichert - die Leasingfirmen werden jedoch wegen der hohen Versicherungssummen jahrelang vor Gericht über Erstattungen streiten, so die Einschätzung von Experten. Bis zu elf Milliarden Dollar Schäden drohen Versicherern und Rückversicherern von Flugzeugleasing-Firmen nach Schätzungen der Ratingagentur Moody's wegen des Kriegs in der Ukraine.

Selbst wenn die Flugzeuge nach einiger Zeit erfolgreich beschlagnahmt werden: Ihr Wert wäre fraglich, da Flugzeuge genaue Wartungsaufzeichnungen über die originalen und rückverfolgbaren Ersatzteile aufweisen müssen. Komponenten und Wartungsdienste für die dominierenden Modelle von Airbus und Boeing stehen aber ebenfalls auf der Liste der EU-Sanktionen gegen Russland.

"Wird die Unternehmen nicht lahmlegen"

Für die einzelnen Leasingfirmen sind die Folgen überschaubar, denn an russische Airlines sind weniger als zehn Prozent des Bestandes der meisten Firmen vermietet. "Das wird diese Unternehmen nicht lahmlegen", sagt Brad Dailey, ein Direktor bei Alton Aviation Consultancy. "Meines Erachtens verändert sich jedoch das künftige Marktpotenzial Russlands."
Die nationale russische Fluggesellschaft Aeroflot wurde vor der Invasion als höchst kreditwürdig angesehen, wie Branchenkenner erklärten. Seit der rechtswidrigen Doppelregistrierung in Russland gelte das jedoch nicht mehr. Der Vertreter einer chinesischen Leasingfirma sagte, der Versicherungsfall bei Aeroflot-Fliegern werde jetzt erklärt.
Einige private russische Fluggesellschaften kündigten an, sie wollten Leasing-Jets zurückgeben, um künftig wieder ins Geschäft mit dem Westen kommen zu können. Dafür ist aber eine Genehmigung der russischen Regierung nötig.

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