Levi Strauss: Wurzeln des Weltkonzerns liegen in Franken
31.03.2019, 05:48 Uhr
Erst seit 1983 ist bekannt, dass Levi Strauss (1829–1902), der "Vater der Blue Jeans", aus dem fränkischen Buttenheim stammt. Seit dem Jahr 2000 erinnert das kommunale, international mehrfach ausgezeichnete "Levi Strauss Museum" an Leben und Werk des jüdischen Textilfabrikanten.
Dabei bedient es sich der alten Tradition des Geschichtenerzählens. Große Texttafeln sucht man in dem 1687 erbauten und aufwändig restaurierten Geburtshaus vergebens. Die minimalistisch ausgestatteten Räume erlauben es dem Besucher, sich ganz auf die Worte des Audioguides zu konzentrieren.
Die Ausstellungsdesigner haben gewissermaßen aus der Not eine Tugend gemacht. Strauss konnte auf die Schiffspassage nach Nordamerika so gut wie nichts mitnehmen, und die Firmengebäude von "Levi Strauss & Co" wurden beim großen Erdbeben von San Francisco 1906 fast vollständig zerstört.

Die Biografie der Familie Strauss ist typisch für bayerische Landjuden, die durch Berufsverbote und andere diskriminierende Beschränkungen zu einem Leben in Armut gezwungen sind. Der Vater von Strauss betreibt einen Hausierhandel mit Tuch- und Kurzwaren, der die neunköpfige Familie mehr recht als schlecht ernährt.
Zeit des großen Goldrausches
Zwei ältere Brüder wandern nach New York aus, wo sie einen Textilhandel gründen. Als der Vater 1846 stirbt, entschließt sich die Mutter mit den drei jüngeren Kindern nachzuziehen. Löb Strauss, der sich fortan Levi nennt, lernt in der Stoffhandlung seiner Brüder. Er erwirbt 1853 die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Es ist die Zeit des großen Goldrausches. Kalifornien steigert seine Bevölkerung innerhalb von vier Jahren um das 16fache. Fabrikarbeiter kündigen ihre Jobs, Dutzende von Schiffen können San Francisco nicht mehr verlassen, weil die Matrosen auf Goldsuche gehen. Auch Levi Strauss lässt sich von der Aufbruchstimmung mitreißen, bleibt aber dennoch bei dem Beruf, den er gelernt hat.
Die blauen "Waist overalls" sind geboren
Im März 1853 reist er im Auftrag seiner Brüder nach San Francisco und gründet einen Großhandel für Textilien und Kurzwaren. Die Firma "Levi Strauss" liefert alles, was die Minenarbeiter am Leib tragen. Von Kleiderstoffen bis zu Hosenträgern und Knöpfen.
Weitere Familienmitglieder verstärken das Unternehmen. "Levi Strauss & Co" beliefert nun Einzelhändler an der ganzen Westküste. Nach mündlicher Überlieferung bekommt Strauss 1872 einen Brief von einem Stoffkunden aus Reno, Nevada. Der Schneider Jacob Davis (1831–1908) sucht nach einem finanzkräftigen Geschäftspartner, um seine Erfindung zu patentieren.
Davis stellt Arbeitshosen her, die an besonders belasteten Stellen mit Metallnieten verstärkt sind. Am 20. Mai 1873 erhält er zusammen mit Levi Strauss das Patent für seine strapazierfähigen Beinkleider. Die blauen "Waist overalls" sind geboren. Seit 1960 werden sie "Jeans" genannt.
Levi Strauss gründet seine erste Fabrik und macht Jakob Davis zum Betriebsleiter. Er selbst führt das angestammte Handelshaus. Die kupfergenieteten Arbeitshosen besitzen von Anfang an einen hohen Wiedererkennungswert. Eine geniale Idee wird genial vermarket.
1890 folgt die Kapitalgesellschaft
Die ersten "Overalls" sind mit orangem oder gelbem Faden genäht. Auf der Gesäßtasche ist eine zweifach geschwungene Ziernaht angebracht. Die Knöpfe für den Hosenlatz tragen den Schriftzug "Levi Strauss & Co". Das Modell heißt anfangs "XX", ab 1890 erhält es die Bezeichnung "501", wobei die Produktionsnummer "5" für höchste Qualität steht.
Die Hosen sind aus blauem Denim-Stoff, der schon vor 1873 (allerdings ohne Nieten) für strapazierfähige Arbeitskleidung verwendet wird. Der Begriff "Denim" bezeichnet ein Gewebe aus Baumwoll- und Hanffasern, das im französischen Nimes erfunden wurde. Bei der Herstellung werden zwei verschiedenfarbige Fäden verwendet: Der Kettfaden ist mit Indigo eingefärbt, der Schussfaden bleibt weiß. So entsteht der charakteristische Jeans-Look. Der Farbstoff Indigo wird schon seit der Antike verwendet. Das tiefe Blau an der Grenze zu Violett stammt aus den Blättern der tropischen Indigopflanze Indigofera tinctoria, die zur Familie der Hülsenfrüchtler gehört.
1878 gelingt dem deutschen Chemiker Adolf von Baeyer (1835–1917) die erste synthetische Herstellung. Doch erst Anfang des 20. Jahrhunderts wird das pflanzliche Pigment nach und nach durch das industrielle Pendant verdrängt.
"Levi Strauss war ein Workaholic"
1890 lässt Levi Strauss seine Firma als Kapitalgesellschaft eintragen. Er wendet sich verstärkt anderen Geschäftsfeldern zu, engagiert sich als Schatzmeister der Handelsgesellschaft von San Francisco sowie als Direktor einer Bank, einer Versicherung sowie einer Gas- und Elektrifizierungsgesellschaft. Auch sein soziales Engagement ist bemerkenswert. Strauss verteilt Stipendien, unterstützt ein jüdisches Waisenhaus sowie andere caritative und bildungsfördernde Einrichtungen und Stiftungen. Offenbar hält er auch Kontakt nach Deutschland, denn um 1900 finanziert er die Hälfte der Renovierung des jüdischen Friedhofs in Buttenheim. Levi Strauss stirbt 1902 im Haus seines Neffen.
"Levi Strauss war ein Workaholic. Er hat den amerikanischen Traum gelebt, ist aber immer bodenständig geblieben", sagt Museumsleiterin Tanja Roppelt. Leider sei über seine Person wenig bekannt. Es gebe aber Hinweise, dass er ein Familienmensch war.
"Die Jeans ist ein universelles Kleidungsstück, das unabhängig von Alter, Geschlecht, Kultur und Religion getragen wird", erklärt Roppelt. "Wir haben jährlich mehr als zehntausend Gäste aus aller Welt." Unter der Schirmherrschaft eines Urgroßneffen von Levi Strauss konnte 2011 ein Erweiterungsbau mit einem Sonderausstellungsraum, einer Cafeteria und einem Museumsshop eingeweiht werden. Mit zwei Sonderausstellungen pro Jahr spürt das Museum dem globalen Phänomen der blauen Beinkleider nach. Das Spektrum der Themen reicht vom "Goldrausch" und dem "Mythos Cowboy", über "Mode, Marken, Massenware" bis zur "Jeans in der DDR".
Informationen: Geburtshaus Levi Strauss Museum, Marktstraße 31-33, 96 155 Buttenheim =0 95 45/44 26 02, Internet: www.levi-strauss-museum.de, Öffnungszeiten: Di./Do.: 14–18 Uhr, Sa., So., Feiertage: 11–17 Uhr, Gruppen auch außerhalb der Öffnungszeiten nach Vereinbarung.
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