Wechsel bei Lorenz Personal: Auf den großen Reibach verzichtet
25.01.2012, 21:00 Uhr
Erst gibt der alte Firmenchef viel zu spät das Ruder ab, und dann redet er seinen Nachfolgern auch noch permanent ins Geschäft hinein und kann nicht wirklich loslassen – immer wieder müssen junge Chefs diese leidvolle Erfahrung machen. Das schadet dem Unternehmen, verunsichert die Mitarbeiter und irritiert die Kunden.
Helga Lorenz wollte bewusst einen anderen Weg gehen. In über 30 Jahren hat sie ihr Zeitarbeitsunternehmen mit jetzt über 600 Mitarbeitern und rund 20 Mio. € Umsatz aufgebaut – „praktisch aus dem Nichts“, wie sie heute sagt. Doch die Zeit kam, rechtzeitig die Nachfolge zu regeln.
Die Firmengründerin hätte es sich einfach machen und sich ihr Lebenswerk vergolden lassen können: Rund 15 Mio. € hat ihr ein Investor zuletzt für die Firma geboten – nicht einfach nur so, das Buhlen war schon äußerst intensiv, selbst die Bücher hatte der potenzielle Käufer schon in Augenschein genommen.
„Aber ich hab‘s einfach nicht fertiggebracht - das Unternehmen an einen Investoren abzugeben, ohne die geforderten Garantien für die Arbeitsplätze, und das in dieser Haifisch-Branche“, erinnert sich die Gründerin. Lorenz Personal sollte weiter ein inhabergeführter, regional verankerter Mittelständler bleiben.
Da traf es sich hervorragend, dass seit 2004 mit Monika Frenzel eine Mitarbeiterin in dem Unternehmen tätig war, die Führungsverantwortung übernehmen wollte und die – wie beide Frauen heute sagen – „von Anfang an die gleiche Grundeinstellung und ein ähnliches Menschenbild hatte.“
Frenzel sollte Anfang 2009 erst ins Unternehmen finanziell mit einsteigen und dann drei Jahres später die Mehrheitsanteile in Höhe von 70 Prozent übernehmen. Nur kurz musste die junge Frau überlegen, als Lorenz ihr das Angebote unterbreitete. „Ich bin viel in den Bergen unterwegs,
da muss man sich auch für eine Tour entscheiden, die man dann durchzieht“, versucht sie zu beschreiben, wie sie zu ihrer Entscheidung gelangt ist.
Zum Jahreswechsel 2008/2009 übergab Lorenz neben der operativen Führung bereits erste Anteile der Bereiche „Lorenz Office“ und „Lorenz Technik“ – ein Geschäftszweig, den Frenzel selbst mit aufgebaut hat.
Sie hatte sich im Nachhinein betrachtet den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt dafür ausgesucht, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. „Es kam wirklich knüppeldick", erinnert sich die neue Chefin. Erst sorgte die Finanzkrise 2009 für teils erhebliche Einbrüche in der gesamten Branche.
Dann erschütterte Ende 2010 ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes viele Zeitarbeitsunternehmen bis ins Mark: Weil der Tarifvertrag für fast 300000 Leiharbeitnehmer für unwirksam erklärt wurde, drohten der Branche Nachzahlungen von Sozialbeiträgen in Milliardenhöhe. „Das hat uns wirklich getroffen, aber letztendlich war der finanzielle Aufwand zu stemmen, weil wir stets deutlich Übertarif bezahlt haben", erzählt Lorenz. Damals habe sie ihre Nachfolgerin noch einmal gefragt, ob sie auch im Lichte dieser Turbulenzen an ihrem Entschluss festhalten wolle.
Und Frenzel wollte, auch wenn die Anteilsübernahme für sie einen finanziellen Kraftakt darstellt. Doch auch in dem Punkt ähnelt „die Neue“ der Firmengründerin: Für Lorenz war immer oberstes Prinzip, die Banken möglichst rauszuhalten, um sich nicht in deren Abhängigkeit zu begeben.
Drei Jahre also dauerte die Übergangszeit. Eine Zeit, in der die Kunden auf die neue Chefin eingestimmt wurden. Eine Phase, in der die Mitarbeiter ihre Erfahrungen mit Monika Frenzel als Chefin sammeln konnten. Und eine Zeit, in der sie selbst in die ungewohnte Führungsrolle hineinwachsen, „sich an die Einsamkeit
des Entscheidungsträgers“ gewöhnen konnte.
Zwei Alpha-Tierchen
Am spannendsten aber war wohl in den drei Jahren, wie die beiden Frauen selbst miteinander umgegangen sind. In der Managersprache würde man beide als Alpha-Tierchen bezeichnen, Lorenz stark emotional geleitet, Frenzel eher analytisch, aber beide gewohnt zu sagen, wo es lang geht. „Für uns war diese Übergangsphase ein Bewusstseinsprozess“, sagen beide rückblickend. Die Firmengründerin musste nach über 30 Jahren hergeben, die Neue an sich ziehen. Die eine musste ihr starkes Ego zurücknehmen, die andere einen Freiraum nach dem anderen beanspruchen. „Wir haben uns zusammengerauft und es gab erstaunlich wenig Fragen, in denen wir unterschiedlicher Meinung waren“, bilanzieren sie.
Seit 1. Januar nun ist auch diese Phase vorbei, der Übergang ist abgeschlossen. Auch wenn sie weiter strategisch beratend für die Firma tätig bleiben will, die ihren Namen trägt: Für Lorenz ist der Schnitt endgültig. Der 31. Dezember 2011 war quasi ihr letzter Arbeitstag, bis Herbst will sie jetzt erst einmal Abstand gewinnen.
Keine Kommentare
Um selbst einen Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich vorher registrieren.
0/1000 Zeichen