Wenn Kredite die Luft zum Atmen nehmen
13.11.2009, 00:00 Uhr
Alles lief gut für Renate D. (Name geändert): Ihre Arbeit bei der Quelle schien über Jahre ein stabiles Einkommen zu sichern. Sie hatte als Wertanlage eine Immobilie erworben und weitervermietet. Ein riskantes Geschäft allerdings, denn die Mieteinnahmen waren stets niedriger als die Höhe der Ratenzahlungen. Dann kam die Arcandor-Pleite, es folgte die Kündigung. Die Immobilie droht ihr jetzt finanziell das Genick zu brechen.
D. ist eine der ersten von der Quelle-Insolvenz Betroffenen, die zur Schuldnerberatung gingen. Michael Weinhold vom Institut für soziale und kulturelle Arbeit Nürnberg (ISKA) erwartet, dass es in den nächsten Monaten mehr werden: «Nämlich dann, wenn das Insolvenz- oder Arbeitslosengeld ausläuft.» Noch regiere das Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung, schnell wieder aus der Arbeitslosigkeit – der Hauptursache von Verschuldungssituationen – zu entkommen.
Hilfe aus dem sozialen Umfeld
Weinhold kennt die Verhaltensmuster von seinen anderen Klienten: Wenn es aus eigener Kraft nicht mehr geht, holen sich die Schuldner finanzielle Hilfe aus dem sozialen Umfeld. Dann werden bei Banken neue Kredite angezapft. Um ein Loch zu stopfen, wird ein neues aufgerissen, ein Domino-Effekt. Die mittlere Konsumverschuldung liegt bei 23 000 €, so Weinhold. Im Jahr 2008 kamen 1900 Menschen zur ISKA-Schuldnerberatung, rund 180 gingen in die Insolvenz.
Der Schuldneratlas, den die Creditreform in der vergangenen Woche veröffentlicht hat, zeigt: In Nürnberg ist fast jeder zehnte (9,4 Prozent) überschuldet. Das heißt, nach Abzug von Warmmiete und Essen bleibt kein Spielraum mehr für die Verpflichtungen gegenüber Gläubigern und Banken.
Immer häufiger bleiben auch Wasser- und Stromanbieter auf ihren Kosten sitzen. Mit fatalen Folgen für die Betroffenen: Die Versorger drehen ihnen Strom und Gas ab. Bei der N-Ergie gab es nach eigenen Angaben heuer etwa zehn Prozent mehr Stromsperren als im vergangenen Jahr. Dem gingen unbeantwortete Mahnungen und eine Frist von mindestens 43 Tagen voraus.
«Viele Leute scheuen den Gang zur Beratungsstelle», sagt Andreas Nausner, Schuldnerberater beim Zentrum Insolvenzberatung (ZIB), wo einige Dienste kostenpflichtig sind. Seine Kunden seien faktisch zahlungsunfähig und hätten sich schon vorher viel Leid selbst zugefügt.
Auch beim ZIB erwartet man deutlich mehr Schuldner in nächster Zeit. «Die Zahl steigt definitiv, auch die Anfragen werden dichter», so Nausner. Die Stelle begleitete im vergangenen Jahr 280 Insolvenzen. Zum Vergleich: Bis Dezember erwartet das ZIB, das sein Personal sogar aufstockt, bis zu 340 Insolvenzen.
Im Vorfeld der Quelle-Insolvenz kamen laut Nausner gelegentlich Menschen zur Insolvenzberatung, die Aufträge des Unternehmens entgegennahmen. Etwa ein Werbetexter: Über die Jahre ist seine finanzielle Situation immer schwieriger geworden, bis auch er nicht mehr weiter wusste. Zudem ging bereits die erste Anfrage einer ehemaligen Quelle-Mitarbeiterin ein.
Schwierige Lage der Quelle-Mitarbeiter
Bei der ADN Schuldnerberatung von Rechtsanwalt Jens Hermann haben sogar schon drei ehemalige Angestellte des Versandhauses um Rat gefragt. Wie schwierig deren Lage ist, zeigt der Fall eines Mannes, der eigentlich eine Restschuldversicherung hatte. Die zahlt, wenn die Arbeitslosigkeit eintritt. Der Mann erhielt seine Kündigung zum 1. Februar, wurde aber – wie Tausende seiner Kollegen – bereits am 1. November freigestellt. Da er rein rechtlich noch nicht «arbeitslos» ist, zahlt auch die Assekuranz nicht. Selbst kündigen darf er auch nicht, weil das ein Ausschlussfall für die Versicherung darstellt. Seine offenen Darlehen, überwiegend Konsumkredite, kann er jetzt nicht mehr decken. «Ihm steht das Wasser bis zum Hals, er versteht die Welt nicht mehr», sagt Hermann.
Der Anwalt beobachtet, dass die Überschuldung von Haushalten längst nicht mehr nur ein Problem von Hartz-IV-Empfängern ist. «Es hat die Mittelschicht voll erwischt.» Kurzarbeit und Unternehmensinsolvenzen zerreißen die Finanzplanung vieler Leute, so Hermann. Bei acht von zehn Schuldnern, die seine Kanzlei betreten, müsse ein Verbraucherinsolvenzverfahren eingeleitet werden. Das ist knapp ein Drittel mehr als im Vorjahr.
Frühzeitiger Kassensturz
Doch damit es gar nicht erst so weit kommt, empfiehlt Michael Weinhold vom ISKA den Betroffenen, frühzeitig einen Kassensturz zu machen: Was habe ich überhaupt an Schulden? «Es ist auch wichtig, in der Familie darüber zu reden. Was bedeutet denn der Jobverlust, auch für die Kinder?» Als nächstes sollte ein Haushaltsplan erstellt werden. Dabei kann die Schuldnerberatung helfen, auch bei der Frage nach dem Umgang mit bestehenden Vermögen wie etwa Kapitallebensversicherungen. «Es gibt wenige, die sehr vorausschauend überlegen», sagt Weinhold. Aber es helfe, über die eigene Situation zu reden – und sei es nur, um sich nicht alleingelassen zu fühlen.