13. Dezember 1964: Wie die Noris von morgen aussehen wird
13.12.2014, 17:07 Uhr
Solche rosigen Aussichten bietet der neue Flächennutzungsplan, der von den Stadtplanern vier Jahre lang ausgefeilt worden ist und nun am kommenden Mittwoch dem Stadtrat vorgelegt wird. In diesem großen Werk ist alles enthalten, was der Bürger von der Wiege bis zur Bahre braucht. Wohnungen und Arbeitsstätten, Sport- und Spielplätze, Krankenhäuser und Friedhöfe, Schulen und Straßen.
Es ist der Rahmen für ein Bild, das die Stadt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erst füllen muß. Weil hier weit in die Zukunft hinein gedacht und geplant ist, soll jeder Bürger mit Anregungen oder auch Beschwerden selbst dazu beitragen können, das Gesicht von Nürnberg mitzuprägen. Der Plan wird im Januar vier Wochen lang im Rathaus öffentlich ausgelegt und zur Kritik gestellt. Das geschieht in der Absicht, „aus der Stadt herauszuholen, was nur möglich ist“. Sie soll schöner, attraktiver und interessanter für alle werden.
Letzte große Chance
Die Stadt will jede Gelegenheit beim Schopfe packen, um in Gegenwart und Zukunft anziehend zu bleiben. Dies ist um so nötiger, als überall die Bevölkerung nicht mehr so zunimmt wie zwischen 1950 und 1960 und die Zeit der großen Industrie-Ansiedlungen abgeschlossen scheint. Nürnberg erblickt jedoch in dem künftigen Autobahnstern mit drei Europastraßen („eine Verkehrsdrehscheibe von fast einmaliger Bedeutung“) und der Großschifffahrtsstraße Rhein-Main-Donau eine letzte große Chance, noch einmal in seiner Geschichte einen Sprung nach vorne zu tun.

Der neue Plan, der in 300 Punkten gegenüber seinem Vorgänger vom Jahre 1956 verändert ist, soll jede Entwicklung fördern, die Nürnbergs Lage verbessert. Es geht ihm nicht allein darum, 325 Hektar für Wohnungen und 1315 Hektar für Industrie und Gewerbe neu auszuweisen. Vielmehr will er „eine Stadtpersönlichkeit eigener Prägung schaffen, die für ihre Bürger eine echte Heimat und für Fremde einen sehenswerten Anziehungspunkt bilden soll“, wie Baureferent Schmeißner sagt.
Schnellstraße Nürnberg-Süd
Nur zweimal greift das Planwerk über die Grenzen: beim Industriegelände am kommenden Kanalhafen und bei der Schnellstraße Nürnberg-Süd, die einst die Autobahnzubringer Regensburger Straße und Osttangente über Valznerweiher und Schmausenbuck verbinden wird. Die Gesetze lassen es nicht zu, daß eine Stadt Land verplant, das ihr nicht gehört. Daher wird unerläßlich ein Standentwicklungsplan gefordert, der Nürnbergs besondere Lage im Dreieck zwischen Erlangen, Lauf und Schwabach gerecht wird.
Die Nürnberger erweisen sich auch bei dieser Arbeit wieder als Optimisten mit Ehrgeiz. Sie wollen den 13. Rang unter den Großstädten Deutschlands halten, obwohl sie genau wissen, daß der Altersaufbau ihrer Bevölkerung besonders ungünstig ist, die Heiratszahlen absinken, eine hohe Sterblichkeit verzeichnet wird und in diesem Jahr erstmals mehr Leute abwandern als zuziehen. Wenn der Stadtrat dennoch glaubte, den Plan um 100.000 Menschen mehr auf 630.000 Einwohner „ausweiten“ zu müssen, so zeigt er sich wieder einmal recht zuversichtlich.
Neues Stadtviertel entsteht
Einige Gründe dafür mag er aus den erstaunlichen Neuheiten des Flächennutzungsplans beziehen. Danach wird ein neues Nürnberg entlang der Schnellstraße hinter den Bahngleisen zwischen Plärrer und Marientunnel entstehen, das seine Vorbilder in richtigen Weltstädten hat. Diese neuen städtebaulichen Akzente, die manche kleinkarierte Lösung aus den Jahren des Wiederaufbaus vergessen lassen sollen, werden mit dem traditionsreichen alten Stadtkern durch eine interessante Fußgängerstraße verbunden.
1,2 Kilometer lang führt dereinst ein Weg von der Lorenzkirche durch die Sterngasse unter dem Ring hindurch zu einem neuen Tafelhof-Tunnel, der als „Basar-Weg“ mit Läden, Restaurant, Friseur und Reisebüro glänzen soll. Der Blick des Spaziergängers im eigenen Reich wird alsdann vom „Noris-Center“ gefangen, für den das Europa-Center in Berlin Pate gestanden hat. Da ist an einen Baukomplex mit Hotels, Theaterräumen, Restaurants, Ladenpassagen und Vergnügungsbetrieben gedacht.
"City Nürnberg" wird Innenstadt verändern
Diese „City Nürnberg“, die ihr Herzstück in der langen Fußgängerstraße hat, wird das Bild des alten Zentrums stark verändern. Dies erweist sich allein schon daran, daß bislang die Hauptgeschäftsstraßen (König-, Karolinen-, Kaiserstraße) in West-Ost-Richtung liegen, künftig jedoch einen kräftigen Nord-Süd-Ast erhalten. In dieser City sollen jedoch auch die Autofahrer noch zu ihrem Recht kommen. Es ist beabsichtigt, große Plätze zu unterkellern und damit neue Abstellflächen zu gewinnen.
Die Stadtplaner haben aber auch schon erkannt, daß die Parkhäuser und andere Einstellmöglichkeiten auf die Dauer nicht ausreichen werden, denn man rechnet damit, daß bis 1985 in Nürnberg auf 2,7 Einwohner ein Kraftfahrzeug entfällt. Selbst wenn der grandiose Plan eines Verkehrszentrums über den Bahnanlagen am Hauptbahnhof mit direkter Zufahrt von der Schnellstraße her wahr werden wird, läßt sich die Parknot im Stadtkern nicht eindämmen.
"P+R" in Planung
Die Männer am Reißbrett und Zeichentisch machen sich daher bereits Gedanken über ein „park-and-ride-system“, das sich in Amerika bewährt hat. Dazu müßten am Stadtrand große Parkplätze entstehen, auf denen die Wagen den ganzen Tag über abgestellt bleiben können. Sie werden - wie die Erfahrung lehrt - freilich nur angenommen, wenn von dort aus leistungsfähige Verkehrsmittel in die Stadt führen. Ein Generalverkehrsplan, der in den nächsten zwei Jahren ausgearbeitet wird, soll über ein solches Parksystem am Stadtrand Aufschluß geben.
Bislang besitzt die Stadt nur einen Straßenplan, der allerdings ein festes Gerippe für die Aufgaben der Zukunft abgibt. Die größte Bedeutung darin hat der Schnellstraßen-Stern, von dem sogar das architektonische Bild Nürnbergs noch profitieren soll. Die besten Ansatzpunkte dafür bietet sein Ost-Ast, der hinter den Bahnanlagen als Hochstraße geplant ist.
An vielen Punkten, wie etwa beim „Noris-Center“ oder zwischen Allersberger Straße und Marientunnel sollen sogenannte Betriebe des tertiären Sektors, also Verwaltungen, Handelsunternehmen und kleinere Betriebe, einen Sitz in modernen Häusern bekommen. Solche neuen Gewerbezentren werden schon deswegen immer mehr an das Herz der Stadt herangerückt, weil die Menschen selber immer lieber „draußen“ wohnen.
Keile in das Knoblauchsland
All' die neuen Flächen, die für den Wohnungsbau bestimmt sind, finden sich daher in Laufamholz oder an der Rothenburger Straße, in Eibach oder Thon. Interessant ist dabei, daß nach langen Jahren wieder einmal Keile in das Knoblauchsland vorgetrieben werden, sofern es nicht flurbereinigt und damit auf Jahrzehnte hinaus für den Gemüseanbau bestimmt ist. Ein typisches Beispiel für die jüngere Entwicklung offenbart sich in Schnepfenreuth, Thon und nördlich vom Krankenhaus, wo 85 Hektar für künftige Wohnhäuser freigehalten sind.
Die Stadtplaner haben es heutzutage gar nicht leicht, den Ansprüchen der Bevölkerung an die Wohnungen gerecht zu werden. Die Familien werden zwar kleiner, aber die Wohnungen sollen komfortabler und größer sein. Es läßt sich gegenwärtig auch schlecht voraussagen, ob der Drang zum eigenen Heim so ausgeprägt bleibt, wie in den zurückliegenden Jahren. Man ist deshalb beim Flächennutzungsplan nicht so weit gegangen, die einzelnen Gebiete etwa bis zur Stockwerkshöhe im Detail festzulegen.
Von der Industrie kommt immer stärker der Ruf nach mehr Platz. Je weniger Leute sie beschäftigt, desto mehr Fläche möchte sie haben. Der Zug der Zeit mit ihrer Automation und Rationalisierung läßt in vielen Unternehmen den Wunsch nach Fabriken aufkommen, in denen sich der ganze Fertigungsprozeß auf einem Stockwerk abspielt. Die Großschifffahrtsstraße samt dem Kanalhafen, der bis 1959 stehen soll, verspricht den größten Geländegewinn für Betriebe aller Art und stellt eine Hoffnung auf neue Steuereinnahmen für den Stadtsäckel dar.