Benachteiligt im Bildungssystem

„Hätte gerne jemanden gehabt“: Nürnberger Verein setzt sich für Kinder mit Migrationsgeschichte ein

Alicia Kohl

Redakteurin

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26.03.2025, 05:00 Uhr
Fajar Razzaq und die anderen Ehrenamtlichen von InteGREATer e.V. malen mit den Kindern Wunschbäume.

© InteGREATer e.V. Fajar Razzaq und die anderen Ehrenamtlichen von InteGREATer e.V. malen mit den Kindern Wunschbäume.

Etwa 25 Kinder und fünf junge Erwachsene sitzen in einem Stuhlkreis im Klassenzimmer einer vierten Klasse am Schulcampus in der Werderau in Nürnberg. Sie spielen „Obstsalat“. Fajar Razzaq vom ehrenamtlichen Verein InteGREATer steht in der Mitte. „Ich fange mal leicht an“, sagt die 21-Jährige und dann: „Ich habe heute schon gefrühstückt.“ Alle, die heute schon gefrühstückt haben, müssen von ihrem Platz aufstehen und sich einen neuen suchen. Mehr als die Hälfte der Kinder rennt durch den Raum. Wer übrig bleibt, sagt etwas Neues. „Ich trage weiße Schuhe“, „Ich mag Döner“, „Ich spreche mehrere Sprachen“, „Ich bin das älteste Geschwisterkind“, „Ich muss meinen Eltern Briefe übersetzen“, „Ich spiele Fußball“, „Meine Eltern können mir nicht bei den Hausaufgaben helfen“. Bei manchen Aussagen laufen mehr Spielende durch den Raum, bei anderen weniger, aber es ist immer einiges los im Kreis.

„Wie ihr merkt, wir haben viele Erlebnisse, die wir miteinander teilen“, sagt Razzaq, „Ihr seid damit nicht allein.“ Das soll das Spiel den Kindern zeigen. Razzaq ist heute mit ihren Kolleginnen und Kollegen Tharisa Thavarasavel, Thunjavan Jeyarathan, Yasmin Shikho und Nirushan Kulendran von InteGREATer für eine Doppelstunde an der Schule. Die Studierenden teilen ihre Erlebnisse als Menschen mit Migrationsgeschichte, erzählen von Hürden, Problemen und Erfolgen. Sie sprechen mit den Schülerinnen und Schülern über deren Träume und Wünsche. „Wir wollen die Kinder motivieren und Vorbilder sein, die wir zum Teil nicht hatten“, sagt Tharisa. Sie ist Regionalleiterin für Erlangen-Nürnberg, einer von 17 Ortsteilen des Vereins. Deutschlandweit sind 300 Menschen Teil von InteGREATer e.V., in Erlangen-Nürnberg sind aktuell 22 aktiv.

Überall gilt das Motto: „Wenn wir es geschafft haben, dann schafft ihr es auch!“ Die Ehrenamtlichen wollen zeigen, dass alles möglich ist, dass es unterschiedliche Wege zum Erfolg gibt und dass die Kinder ihre eigenen Ziele verfolgen dürfen. Wichtig ist ihnen, an ihrem eigenen Beispiel zu zeigen, dass auch Kinder, deren Eltern wenig Deutsch sprechen und nicht bei den Hausaufgaben helfen können oder die selbst erst im jugendlichen Alter nach Deutschland kommen, später einen Schulabschluss machen, studieren oder eine Ausbildung abschließen können.

Ungleichheit in der Bildung

Denn auf diesen Gebieten herrscht weiterhin eine Ungleichheit. „Dass der Bildungserfolg in Deutschland auch davon abhängt, inwiefern Kinder und Jugendliche einen Migrationshintergrund haben, ist ein bekannter Befund. Schüler:innen mit familiärer Zuwanderungsgeschichte gelten als bildungsbenachteiligt“, heißt es von der Bundeszentrale für politische Bildung. Eine große Rolle bei der Bildungsbenachteiligung spielt, welcher Teil der Familie im Ausland geboren ist, wie viele Generationen einer Familie also schon in Deutschland leben. Die Gymnasialbeteiligung liegt laut einer Pisa-Studie von 2018 bei Menschen ohne Migrationsgeschichte bei 43 Prozent, bei Menschen mit einem im Ausland geborenen Elternteil bei 35,7 Prozent und bei Menschen, die selbst nach Deutschland eingewandert sind, bei nur 16,1 Prozent.

Auch der Sachverständigenrat für Integration und Migration betont die weiterhin bestehende Ungleichheit in der Bildung. „An Hauptschulen sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund weiterhin über- und an Gymnasien unterrepräsentiert.“ Auch die schulischen Kompetenzen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund würden weiterhin erheblich hinter denen von Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund zurückbleiben. In der beruflichen Bildung und im Studium setze sich diese Benachteiligung fort.

Gerade deswegen unterstützt InteGREATer Kinder in allen Altersstufen auf ihrem Bildungsweg. „Ich hätte gerne jemanden gehabt, der mir sagt, wie alles funktioniert und welche Möglichkeiten es gibt“, sagt Fajar Razzaq. Das wollen sie und die anderen von InteGREATer leisten, auch um den Schülerinnen und Schülern den Druck etwas zu nehmen. „Viele Eltern von Kindern mit Migrationsgeschichte sehen Bildung als einzigen Weg für ihre Kinder, ein besseres Leben zu haben als sie“, erklärt Tharisa Thavarasavel. Dadurch ist der Druck, der auf den Kindern lastet, besonders groß. Andere Berufe als Anwältin, Ingenieur oder Ärztin kämen in der Wahrnehmung oft nicht infrage.

Motivation und Mut

Thavarasavel und die anderen Ehrenamtlichen zeigen den Schülerinnen und Schülern, dass der verpasste Schritt aufs Gymnasium, Sitzenbleiben oder schlechte Noten nicht das Ende sind. Von anderen Wegen zu Abitur und Studium, Informationen zum Schulsystem und dem Fokus auf eigene Träume und Wünsche - die Teams von InteGREATer thematisieren all das auf spielerische Art und Weise mit den Kindern. In Gruppen malen sie zum Beispiel einen Wunschbaum, in den die Kinder ihre Träume schreiben können. Auf Leitern werden dann mögliche Wege festgehalten, wie die Kinder ihre Ziele erreichen können.

An der Grundschule in der Werderau in Nürnberg haben 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler Migrationsgeschichte, sagt die Lehrerin der vierten Klasse. Auch sie berichtet davon, dass viele Kinder Druck von zuhause bekommen. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen laden die Teams von InteGREATer seit Jahren in ihre vierten Klassen ein. Das sei immer „total toll“. Besonders vor den Übertrittszeugnissen, in denen festgelegt wird, welche weiterführende Schule die Kinder besuchen können, seien die Stunden von InteGREATer sehr hilfreich. Nach der Stunde macht die Lehrerin mit Thavarasavel aus, dass ein Team auch nach der Vergabe der Übertrittszeugnisse nochmal in die Klasse kommt, auch um den Kindern dabei zu helfen, mit möglichen Enttäuschungen umzugehen.

Die Schülerinnen und Schüler selbst schätzen die Stunden ganz offensichtlich. In einer Feedbackrunde betonen sie, dass das Team von InteGREATer auf jeden Fall wiederkommen soll. „Weil ihr mich motiviert“, sagt ein Junge. Ein Mädchen rennt am Ende nach vorne und umarmt die fünf jungen Erwachsenen.

Solche Reaktionen sind die beste Bestätigung für die Ehrenamtlichen. „Vieles können wir nicht ändern, das Schulsystem, das Mindset der Lehrkräfte. Das liegt nicht in unserer Hand. Wir tun, was in unserer Hand liegt. Das sehen wir als unsere Option“, sagt Nirushan Kulendran. Kulendrans Fokus liegt auf der Arbeit mit Kindern selbst, sie zu stärken, ihnen Mut und Optionen mitzugeben, dieser Aufgabe haben sich die Ehrenamtlichen verschrieben.