An der Grenze zum Doppelleben

„Achtzehnter Stock“: Ein Roman zwischen Glamour und Plattenbau

Benedikt Dirrigl

Redakteur

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28.02.2025, 13:15 Uhr
"Achtzehnter Stock" ist Sara Gmuers zweiter Roman.

© UrbanRuth "Achtzehnter Stock" ist Sara Gmuers zweiter Roman.

"Hart und rau und schön. Eine literarische Ohrfeige." So betitelt die österreichische Autorin Mareike Fallwickl den neuen Roman von Sara Gmuer. Zwölf Jahre nach ihrem Debütroman "Karizma" erschien nun im Februar ihr neues Werk "Achtzehnter Stock". Worum geht es und was ist dran an Fallwickls Einschätzung?

"Achtzehnter Stock" von Sara Gmuer

Wanda lebt mit ihrer Tochter Karlie im 18. Stock eines Berliner Plattenbaus. Dort verbringt sie ihre meiste Zeit mit anderen alleinerziehenden Müttern, gemeinsam treffen sie sich im Hof des Betonbaus und reden über ihre Kinder und das Leben. Für manche ist das im Grunde das Gleiche. Doch Wanda will mehr. Ihren Traum, Schauspielerin zu werden, gab sie auf, als sie schwanger wurde. Doch ihr Ziel ist es immer noch, den Weg aus der Platte zu finden und Schauspielerin zu sein. Denn Träume ändern sich nicht.

"Achtzehnter Stock" von Saraa Gmuer

"Achtzehnter Stock" von Saraa Gmuer © Benedikt Dirrigl

Dieser Traum scheint zum Greifen nah. Ein gelungenes Casting und ein anschließendes Abendessen mit Regisseurin und Produzenten ist ihr erster Ausflug in die glamouröse Welt, die Berlin zu bieten hat, wenn man es aus dem Plattenbau schafft. Doch Wanda wird zurück in ihr eigentliches Leben gerissen, denn die Nachbarsmutter meldet sich. Sie passt auf Karlie auf, und diese ist krank. Ohne zu zögern bricht Wanda den Ausflug ins Glamourleben ab und eilt zu ihrer Tochter.

Gleich nach dem ersten Hoch des Romans bahnt sich der erste Tiefpunkt an. Wanda und Karlie werden von verschiedenen Ärzten nicht ernst genommen. Erst kurz bevor es zu spät ist, wird Karlie im Krankenhaus aufgenommen. Hirnhautentzündung, ihr Leben steht auf der Kippe.

Die nächsten drei Wochen verbringen die beiden im Krankenhaus. Als Karlie endlich entlassen wird, bleiben bei Wanda die Sorgen um mögliche Spätfolgen bestehen. Die Rolle hat sie natürlich mittlerweile verloren. Was sie behalten hat, ist die Telefonnummer von Adam Ezra, seines Zeichens erfolgreicher und gefeierter Schauspieler. Wanda hat ihn beim Abendessen kennengelernt.

Es entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, Wandas Leben geht wieder bergauf. Nicht nur ist sie glücklich und verliebt, Adam stellt ihr sogar wichtige Personen der Branche vor und sie bekommt eine Rolle einem neuen Film. Doch der Spagat zwischen dem Glamourleben der Schauspielerin und der alleinerziehenden Mutter im Plattenbau wird immer breiter, bis Wanda droht daran zu zerbrechen.

"Achtzehnter Stock": Düsterer Feelgood Roman?

Ein Lesezeichen brauchen Sie für Sara Gmuers "Achtzehnter Stock" nicht. Die Handlung ist rasant, die raue Sprache der Protagonistin macht sie nahbar und authentisch, durch den Schreibstil in Präsens fühlt man sich beim Lesen, als wäre man direkt Teil der Erzählung.

Am Ende des Romans fühlt man sich fast, als wäre man in einer Feelgoodstory, es wirkt beinahe schon unwirklich, bis der letzte Kompromiss eintritt. Vielleicht haben sich Wandas Träume doch verändert.

Für einen Feelgoodroman sind die Tiefpunkte im Leben Wandas und Karlies allerdings viel zu düster. Hier wirkt nichts nach eitel Sonnenschein. Dafür ist Wanda zu gnadenlos ehrlich. Mit ihrem Leben und ihrer Umgebung, manchmal auch mit ihr selbst.

"Hart und rau und schön. Eine literarische Ohrfeige." Mareike Fallwickls Einschätzung können wir bedenkenlos unterschreiben.

Sara Gmuer: Wie viel Wanda ist in der Autorin?

Sara Gmuer hatte schon viele Berufe. Sie war Schauspielerin, Model, Rapperin und Texterin. Die Geschichte von Wanda hat sie sich allerdings ausgedacht. "Aber ich war selbst Schauspielerin. Ich weiß, wie sich das alles anfühlt, und auch, wie erleichternd es ist, wenn sich nach einer Durststrecke das Konto endlich wieder füllt" sagt die Autorin selbst.

Sara Gmuer

Sara Gmuer © Paula Winkler

Mit "Achtzehnter Stock" will Gmuer Figuren in den Mittelpunkt stellen, die sonst eher abseitsstehen. Ein großer Teil der Geschichte dreht sich um die alleinerziehenden Mütter im Plattenbau, die alle eine unterschiedliche Vorstellung vom Leben haben. Sie verbindet aber nicht nur der Plattenbau, sie verbindet auch die Weigerung, Opfer zu sein. Es geht darum, was ein Zuhause eigentlich ausmacht. Die ambivalente Form der Freund- und Bekanntschaft mit den Nachbarn in einem Hochhaus in der Großstadt wird deutlich, in der es nicht immer um oberflächliche Dinge wie die Kenntnis über den Vornamen geht.

"Achtzehnter Stock"

Von Sara Gmuer

  • 220 Seiten
  • Hanserblau
  • ISBN: 978-3-446-28375-6
  • 15,99 Euro

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